Kultur
04.09.2018

Ars-Electronica-Chef Stocker: „Globalisierung war traumatisch“

Ars Electronica. Der Leiter Gerfried Stocker über Fehler der Digitalisierung und die gnadenlose Start-Up-Szene

Die Ars Electronica in Linz ist schon seit 40 Jahren dem gewidmet, was immer vollständiger zu unserer Lebenswelt wird: Dem Digitalen. Ab Donnerstag beschäftigt sich die heurige Ausgabe des Kunstfestivals mit dem „Error“, also dem Fehler und seiner immensen Rolle im technologischen Fortschritt. Im Interview: der künstlerische Leiter Gerfried Stocker, den der KURIER zu Beginn gleich einmal mit einer Schwarz-Weiß-Frage zum Thema „Fehler“ konfrontiert.

KURIER: War die gesamte Digitalisierung ein Fehler?

Gerfried Stocker: Nein, auf keinen Fall. Aber wir haben bei der Einführung und bei der Anwendung ganz viele Fehler gemacht. Das ist ganz menschlich, das war bei jeder technologischen und großen Neuerung so.

Aber hier werden grundlegende Weichen für das menschliche Zusammenleben in allen Bereichen neu gestellt. Sind Fehler hier nicht viel gefährlicher?

Selbstverständlich. Ich bin aber immer sehr vorsichtig zu sagen: Das ist das Gefährlichste. Es kommt darauf an, von welchem Zustand man sich wegbewegt.

Eben dieser Zustand scheint im Rückblick doch besser: Wir bewegen uns weg von einer halbwegs liberalen, demokratischen Gesellschaft hin zu einer, die den Einzelnen auf Schritt und Tritt überwacht und dabei auch noch antidemokratische Strömungen bestärkt. Auch weltpolitisch was es bequemer.

Das Ausmaß der negativen Wirkung kann man gar nicht groß genug bewerten. Aber ich bin skeptisch zu sagen: Das ist „die Digitalisierung“. Wovon spricht man da? Vom Social-Media- und Internethype? Oder nicht eher von dem, was wir seit den 1980ern erleben, als im Finanzwesen alles auf Computer umgestellt wurde? Da hat diese Beschleunigung und Profitsteigerung durch Skalierung richtig begonnen. So leicht es ist, die Probleme in gewissen Bereichen mit einer technologischen Entwicklung zu verbinden, am Ende sind es wir Menschen.

Wir irren.

Der Fehler, den wir gemacht haben, ist nicht gewesen, das Internet einzuführen und es für alle zugänglich zu machen. So, dass es in Nigeria mehr Menschen im Internet gibt als in Deutschland. Und dass die dort genauso arbeiten können wie in Mazedionien oder Sarajevo. Das ist absolut positiv. Der Fehler war, dass wir, trotz vieler warnender Rufe von Anfang an, nicht ausreichend an negative Wirkungen gedacht haben. Und viel, viel, viel zu spät begonnen haben, die Digitalisierung als kulturelle, gesellschaftliche und damit natürlich auch als Bildungsaufgabe zu sehen. Die Herausforderung ist, mit der Technologie, mit den Möglichkeiten, die wir uns als Menschen erobern, fertig zu werden, ihnen gewachsen zu sein. Also Verantwortungsfähigkeit zu entwickeln.

Aber wie nähert man sich den positiven, aber eben auch negativen Folgen der Globalisierung, die wir nun erst so richtig erkennen?

Die Globalisierung ist eine Folge der Digitalisierung. Kulturell haben wir das aber bisher überhaupt nicht verarbeitet. Deswegen wird es traumatisch für uns – und wir fallen in eine Abwehrhaltung. Das Revival von extremen Nationalismen von links und rechts in Europa bis hin zu Trump – das sind Reaktionen auf dieses Trauma. Wir hatten das eigentliche Ausmaß der Globalisierung nicht verstanden. Ich bin immer optimistisch: Wir werden das übertauchen. Die Frage ist, was dabei auf der Strecke bleibt.

Was wird das sein?

Dass hier schon einiges auf der Strecke geblieben ist, ist klar. Die Frage ist: Wie können wir uns als Menschen wieder zusammenraufen? Das ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Ich hoffe, dass wir es besser hinkriegen als nach der ersten Industrialisierung, die in ein langes Jahrhundert mit zwei Weltkriegen führte.

Zurück zum Fehler: Dazu gab es in den Nullerjahren eine gewisse Liebe. Innovation funktioniere nicht ohne Fehler, man muss sich irren dürfen, wurde im Silicon Valley, in der Start-Up-Szene propagiert. Heute aber sind die großen Techfirmen die, die Sachen eben richtig machen und nicht falsch. Ist die Liebe zum Fehler abgekühlt?

Das ist immer die verborgene Geschichte hinter den Start-Up-Erfolgen. Es war ein gehobenes Maß an Naivität, mit der wir Europäer auf diese Kultur geschaut haben, auf die „frischen, frechen Youngsters“ und ihre „neuen Ideen“. Dass die Start-Up-Kultur gnadenlos kompetitiv ist, wird gerne übersehen. Das Umfeld wird ausgeblendet: Es ist eine der erfolgreichsten Propagandageschichten des globalen Kapitalismus, dass man auf der ganzen Welt glaubt, dass es cool ist, Menschen über Start-Up-Systeme auszubeuten und bis auf die Knochen zu melken.

In dem Umfeld herrscht dann oft der 18-Stunden-Tag.

Das ist Teil der Erosion der Wertschätzung menschlicher Werte. Es wäre zu hinterfragen, ob sich Europa da wirklich so draufsetzen soll. Ob nicht die europäische Bereitschaft, Menschen aufzufangen, und das Bewusstsein, dass Teilnahme am Erfolg für alle möglich sein soll, besser waren. Es ist eine immer völlig falsch wiedergegebene Geschichte, dass man in Amerika versagen und dann wieder aufstehen kann. Wieviele Leichen es finanziell und körperlich in der Bay Area gibt, das füllt mittlerweile Bücher. Für uns war das ein Mitgrund zu sagen: Der Fehler hat ein unheimlich wichtiges Potenzial für Innovation. Es ist notwendig, das hochzuhalten, das muss gerettet und bewahrt werden. Und der Fehler ist der Bruder der Toleranz.

Inwiefern?

Wenn ich als Politiker das alles ernst nehmen würde, was über die Wichtigkeit von Innovation gesprochen wird, dann könnte ich nicht im gleichen Moment so viele Energien entfalten, um die Gesellschaft einzuengen und zu normieren. Das Tolle am Error ist: Er ist die Abweichung von der Norm und stellt diese in Frage. Und hat so ein unheimlich subversives Potenzial.