Aliens, Roboter und ein Huhn

Eine Skulptur des Aliens aus dem Film „Alien“ in einer Kunstausstellung.
Das Linzer Festival widmet sich noch bis Montag der totalen Erinnerung.

Da saß man also bei der Ars Electronica in Linz, ließ sich von zwei Roboterhänden zärtlich streicheln und dachte darüber nach, was man wohl als Nächstes unwiderruflich vergessen wird.

Es ist diese Mischung aus Tiefgang und Verspieltheit, die Jahr für Jahr in den ersten Septembertagen Linz erfasst: Aus großen Themen und schwierigen Fragen werden bei der Ars Electronica verspielte Kunstwerke, witzige Installationen oder auch mal neue Tiere (heuer: ein Huhn, das Gene aller Hühnerrassen der Welt in sich trägt).

Was die eigentliche Frage war, ist dabei zumeist vergleichsweise egal. Heuer ging es um die „totale Erinnerung“. Ein erst auf den zweiten Blick lebensnahes Thema, auf das die Festivalmacher Medienkünstler, Biowissenschaftler, Vielredner und Computerauskenner losgelassen haben. Und das wir wohl bei der nächsten Ars Electronica schon wieder vergessen haben werden.

Aber das macht nichts: In Linz geht es nicht um Lösungen, sondern um Inspiration.

Aktuell

Und das Thema könnte aktueller nicht sein: Erinnerung zu bewahren ist im digitalen Zeitalter mit seinen rasch alternden Datenspeichern eine wachsende Herausforderung: Digital gedrehte Filme, elektronische Bücher, Fotos von der Digitalkamera drohen unwiederbringlich zu verschwinden.

Und auch umgekehrt: Information gezielt zu zerstören, also das Gegenteil von Erinnern, ist mittlerweile fast unmöglich. Das merkte etwa der britische Geheimdienst, als er Festplatten in einer Zeitungsredaktion zerstören ließ – in der irrigen Annahme, dass die darauf enthaltene Information dadurch aus der Welt geschaffen würde.

Aber das einstige Medienkunstfestival Ars Electronica widmet sich zunehmend weniger dem Digitalen und mehr den Biowissenschaften. Also ging es auch um Demenz, um perfekte und weniger perfekte Erinnerung, um das Gehirn und die DNS, also jenen Speicher, der die Erbinformation der Menschen bewahrt.

Und, bei dem Thema naheliegend, es ging auch um Geschichte: In der Tabakfabrik – deren einstige Aufgabe selbst fast schon nicht mehr erinnerlich scheint – widmete man sich zum Auftakt des Festivals der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten. Und brachte dies in Verbindung mit den Gefahren heutiger Internet-Überwachung.

Alien

Direkte Erinnerungen an tiefstsitzende menschliche Urängste weckt der Schweizer Surrealist HR Giger. Der hat für die „Alien“-Horrorfilme den Urtyp des schreckenseinflößenden Gegners geschaffen, die rasant schnelle, morallose, mit Riesenhirn ausgestattete außerirdische Mördermaschine, mit der Sigourney Weaver in den Filmen ihre liebe Not hatte.

H.R. Giger arbeitet an einem seiner biomechanischen Gemälde.

Giger
Detailaufnahme des Kopfes eines Xenomorph aus dem Film „Alien“.

Alien, 1979
Ein biomechanisches Kunstwerk von H.R. Giger mit einer weiblichen Figur und skelettartigen Elementen.

Giger
Das Gesicht einer Frau mit einem Stirnband, durch das Metallstifte gesteckt sind.

HR Giger
H.R. Giger vor einem seiner biomechanoiden Kunstwerke.

KUNST HAUS WIEN: AUSSTELLUNG HR GIGER "TRÄUME UND
Das Gemälde zeigt zwei humanoide Kreaturen in einer düsteren, biomechanischen Umgebung.

Giger
H.R. Giger vor einem seiner biomechanoiden Kunstwerke.

KUNST HAUS WIEN: AUSSTELLUNG HR GIGER "TRÄUME UND
Ein biomechanoides Wesen, das an die Kunst von H.R. Giger erinnert.

HR Giger
Eine Skulptur im Stil von H.R. Giger in einer Kunstgalerie.

AUSTRIA ARTS
Ein Gemälde von H.R. Giger, das zwei Figuren vor einem Gebäude mit der Aufschrift „Attahk Magma“ zeigt.

Eine detaillierte Skulptur einer weiblichen Alien-Kreatur mit scharfen Klauen und einem transparenten Kopf.

Ein biomechanoides Wesen mit einem länglichen Kopf und skelettartigen Details.

Giger
Ein biomechanisches Porträt einer Frau, inspiriert von H.R. Giger.

Eine surreale, biomechanische Szene mit zwei humanoiden Figuren vor einem hellen Hintergrund.

Giger
Eine biomechanische Illustration von H.R. Giger mit menschlichen Figuren in einer Waffenstruktur.

Giger
H.R. Giger arbeitet an einer Skulptur im biomechanischen Stil.

In Gigers mit Horror-Lust und Sexualsymbolik aufgeladenen Düsterkosmos lässt nun die wohl am meisten in Erinnerung bleibende Schau der heurigen Ars Electronic eintauchen: Im Keller des Lentos gibt es bis 29. September Gigers Alien-Figuren, eine mit Babyköpfen bestückte Mauer, einen Retro-Raumanzug und allerlei weiteres Schwarzgefärbtes.

Ein Hingucker, an denen es sonst heuer merkbar mangelte. Einzig in der CyberArts-Schau des OK Centrums warteten noch am ehesten jene Momente, die die Ars Electronica einst weltweit einzigartig gemacht haben: Man war fast verlockt, der sprechenden Orgel, die man dort über eine Schreibmaschine steuern konnte, ein warnendes Lied zu entlocken.

Geld

Denn Linz hat zwar mit großen Kulturbauten ein Bekenntnis dazu abgelegt, sich künftig als Kulturstadt zu verstehen: Das jüngst eröffnete Opernhaus ist prächtig, auch die Ars Electronica hat vor wenigen Jahren eine vergrößerte, ebenfalls prachtvolle Heimstatt bekommen. Doch Kunst lebt nicht von den Bauten, sondern davon, was darin passiert. Auch dafür braucht es Geld. Und im Ars Electronica Center erwächst in dieser Hinsicht eine beunruhigende Ahnung. Seit der Eröffnung nur kosmetisch erneuert wurde die „Bilder vom Menschen“-Schau im Untergeschoß; in den einst mit kreativer Kraft übergehenden oberen Stockwerken ist eine Sparausstellung zu sehen, die vieles vermissen lässt, was das Museum zum Vorreiter machte, wie Interaktivität und unterhaltsame Wissensvermittlung.

Stattdessen gibt es zum Thema „Leben aus dem Labor“ ganz biedere Schautaferln, als wäre es nicht das „Museum der Zukunft“, sondern ein Museum aus der tieferen Vergangenheit.

Klingelton

Unterhaltsames gab es während des Festivals dann aber doch zur Genüge: In der Kunstuni konnte man beim Zitronenpressen auch gleich Musik machen. Im OK Centrum auf einem Laufband laufend das dadaistische Manifest in ein Mikro sprechen. Bei der Klangwolke am Samstagabend – gestaltet u.a. vom Musiker Parov Stelar und „Mr. Wunderbar“ Harald Serafin – sollte Bruckner aus tausenden Handys gleichzeitig erklingen.

Und dennoch: An diese Festivalausgabe wird man sich nicht lange erinnern.

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