Zeitzeuge Brauer: „Die Enkelkinder interessiert sehr, wie die Welt war ohne Auto, Telefon und Elektronik“

© KURIER/Jeff Mangione

Arik Brauer
01/02/2014

Lieber violett träumen als grau denken

Ein Gespräch mit dem vielseitigen Künstler Arik Brauer, der am Samstag seinen 85. Geburtstag feiert.

von Werner Rosenberger

Humorvoll und ernst, selbstbewusst und bescheiden ist Arik Brauer. Er wirkt drahtig, agil und fit wie 45 und feiert am 4. Jänner seinen 85. Geburtstag. Seine Energie scheint keine Grenzen zu kennen – ebenso wenig seine Fantasie. Ein „ewig jugendliches Springinkerl“ nannte ihn der Schriftsteller Doron Rabinovici.

„Dabei sind das nur mehr die Reste von dem, was ich einmal war“, sagt Brauer im KURIER-Gespräch. In den 50er-Jahren radelte er quer durch Europa und Afrika. Während einer Tour durch Israel, bei der er gemeinsam mit seiner Schwester als Tanz-Duo auftrat, lernte er Naomi Dahabani kennen, die er 1957 heiratete. Und über die der Vater dreier Töchter heute sagt: „Meine Frau hat immer das Glück in die Familie gebracht.“

Mit 70 Jahren war Brauer noch am Großglockner: „Aber es gibt Bessere als mich.“ Nur mit dem Skifahren hat er im Vorjahr aufgehört: „Ich war immer sehr beweglich, beim Skifahren musste ich mich sogar zurückhalten, sonst hätten die Leut g’sagt: Na der macht sich aber wichtig.“

Porträt: Universalkünstler Arik Brauer

Neuer Bilderzyklus

Er arbeitet noch immer „ununterbrochen“. Zuletzt an 24 besonders bunten Bildern über die Haggada, das Buch für das jüdische Pessach-Fest. Anlass für die Ausstellung „Le dor va dor. Von Generation zu Generation“ (ab 22. Jänner) im Jüdischen Museum Wien in der Dorotheergasse.

Am Buch hat sich der Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg mit Kommentaren und „guten Ezzes“ beteiligt, außerdem der israelische Autor Joshua Sobol und der Unternehmer Erwin Javor.

Er ist ein Multitalent: Maler, Grafiker, Keramikkünstler, Dichter, Musiker, Sänger ... Er trat seinerzeit sogar kurze Zeit als Balletttänzer im Raimund Theater auf. Aber Beruf und Berufung war und ist ihm die Malerei.

Erzählende Malerei

Wobei Brauer immer an mehreren Bildern gleichzeitig malt und sie dann oft monatelang stehen lässt. Bis er wieder weiter arbeitet und sich die Fantasie immer mehr entzündet. So entstehe „das Wuchernde“: „Ich wollte schon mein ganzes Leben lang eine erzählende, figurative Malerei machen.“

Dabei gäbe es keinen wirklich totalen Bruch mit der sogenannten Wirklichkeit. „Ich bringe meine Fantasiewelt über Schleichwege ein. Aber frei erfundene Gebilde behalten einen wahren Realitätsanspruch. Sie könnten existieren oder sie werden vielleicht einmal existieren.“

Ob paradiesische Landschaften, Pflanzen, Tiere, Fabelwesen ... Letztlich gehe es doch immer nur um die Farbe, sagt der Protagonist der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Nicht nur auf dem Bild. So gab er einem seiner Aquarelle den Titel: „Besser violett geträumt als grau gedacht.“

Die Natur ist ihm Inspiration. Und das Alte Testament. „Ein Menschheitskunstwerk allerersten Ranges. Von großer sprachlicher Kraft, in diesem Sinne auch heilig. Man könnte die Bibel als Phantastischen Realismus bezeichnen.“

Nein, religiös sei er nicht in dem Sinn, dass er an die Existenz einer höheren Kraft glaube, die er sich irgendwie vorstellen könne. Und Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde sei er eher aus Tradition – und weil sie über den religiösen Aspekt hinaus „eine Bedeutung habe als Vereinigung einer Minderheit“.

„Ich bin Agnostiker“, sagt Brauer. Er sei geradezu antireligiös, „weil alle Religionen zwar großartige kulturelle Kräfte entwickeln und entfalten“, aber summa summarum „fürchterliche Dinge angerichtet haben und unser logisches Denken sehr belasten“.

Schließlich habe nicht Gott den Menschen erschaffen, sondern umgekehrt: „Der Mensch hat Gott erschaffen.“

Die 1930er-Jahre

Sein Solo „A Gaude war’s in Ottakring“ (auf DVD erschienen) ist die Sicht eines Zeitzeugen: „Die 30er-Jahre mit Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit waren hier wie Kalkutta. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Meine Enkelkinder interessiert das sehr: Eine Welt ohne Auto, Telefon und Elektronik. “

Den Antisemitismus heute sieht er „nicht so dramatisch“, schließlich habe er die 1930er-Jahre erlebt: „Und da kann ich nur sagen, der Antisemitismus heute ist auch nicht mehr das, was er einmal war.“

Er hat sich mit dem ersten verdienten Geld in Israel ein Haus am Land in einem Olivenhain gebaut, ging und blieb aber doch vor allem in Wien. Wo fühlt er sich mehr zu Hause? „Sterben möchte ich, wie alle Juden, in Israel, aber leben tu ich lieber in Wien. In Israel habe ich einen großen Freundeskreis, der aber immer kleiner wird, weil die Leute sterben. Es ist wahrscheinlich das Schicksal des Alters, dass die anderen sterben. Ich bin sehr glücklich in Wien, die Stadt ist in jeder Hinsicht wunderbar.“

Maler – Chansonnier – Zeitzeuge

Die Haggada erzählt über den Auszug der Juden aus Ägypten. Anlässlich der Befreiung der Juden aus der ägyptischen Sklaverei wird jährlich im Frühjahr das Pessach-Fest gefeiert. Arik Brauer hat eine neue Pessach-Haggada geschaffen. Die 24 Bilder werden erstmals im Jüdischen Museum gezeigt: „Von Generation zu Generation. Die neue Haggada von Arik Brauer (22. 1.–25. 5.).

Schon 1979 hat Brauer einmal eine Haggada illustriert, die schnell vergriffen war und mittlerweile ein Klassiker ist. Jetzt kommentiert Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg im Dialog mit Erwin Javor, dem Herausgeber der neuen „Brauer-Haggada“ (Amalthea Verlag), die biblischen Texte ebenso wie der israelische Dramatiker Joshua Sobol.

Dadurch fließen in den neuen 24-teiligen Bilderzyklus die Stimmen und Gefühle moderner, kritischer Juden ebenso ein, wie auch die Beständigkeit religiöser Tradition und Zugehörigkeit erhalten bleibt.

Am 6. 2. zeigt Brauer im stadtTheater walfischgasse bei seinem Abend „Mit Bleistift und Gitarre“ Karikaturen: „Aber nicht Strichzeichnungen, sondern voll ausgezeichnete Figuren, in denen sich der Unterschied zwischen Surrealismus, Expressionismus und Karikatur vermischt.“ Und dazu erzählt er Geschichten und singt Gstanzln.

Brauer, spätestens seit „Sein Köpferl im Sand“ und „Sie habn a Haus baut“ in den 70er-Jahren auch als Pionier des Austropop und Sänger bekannt, gab im stadtTheater walfischgasse im Vorjahr einige wenige Abende seines Programmes „A Gaude war’s in Ottakring“ mit Jugend-Erinnerungen an die Zeit im Arbeiterbezirk vor dem Zweiten Weltkrieg. Eine Aufzeichnung ist auf DVD erschienen.

Das Leopold Museum widmet Brauer ab 14. November eine umfassende Retrospektive mit rund 100 Gemälden, Grafiken und Skulpturen von öffentlichen und privaten Leihgebern.

LINK: www.arikbrauer.at

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