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Kultur
09/29/2012

Ari Rath: "B" für Juden, bevor Hitler kam

In "Ari heißt Löwe" erfährt man von Ari Rath Historisches, das man nie gewusst bzw. vergessen hat.

von Peter Pisa

Gleich zu Beginn ein Schock: Ari Rath, der 1925 in Wien geborene langjährige Chefredakteur der damals liberalen Jerusalem Post, hat seine Erinnerungen nicht selbst aufgeschrieben.

Sondern die mit ihm befreundete 44-jährige Journalistin Stefanie Oswalt aus Berlin.

Da fangen dann Sätze hintereinander an mit: Ich habe, ich ging, ich traf, ich bin, ich nahm ...

Aber Ari Rath hätte sich selbst nie die Zeit für sein Buch genommen. An Geduld fehlt es ihm auch.

Er sprach oft mit Stefanie Oswalt, vierzig Stunden Tonmaterial hat sie gesammelt; und reiste mit ihm durch Israel; und begleitete ihn auf Spurensuche in der Ukraine.

Vorbild Ben-Gurion

Also nimmt man "Ari heißt Löwe" letztlich dankbar in Empfang, zumal Ari Rath ein unglaubliches Gedächtnis hat und noch weiß, dass er als 14-Jähriger im Ahawah-Jugendheim bei Haifa abends im Gemeinschaftsraum Socken stopfte.

Außerdem kann er erzählen, dass sein Idol, Staatsgründer Ben-Gurion, auf Anweisung seiner Ehefrau täglich einen großen Teller Schinken verzehrte und es folglich nicht notwendig gewesen wäre, während einer Tagung in Oslo koscheres Fleisch aus Dänemark einfliegen zu lassen.

Von ihm erfährt man Historisches, das man nie gewusst bzw. vergessen hat.

Etwa, dass schon vier Jahre vor Hitlers Einmarsch, 1933, in Wiener Gymnasien jüdische Kinder in eigene Klassen gestopft wurden. "A"-Klassen für katholische Schüler, "B" für jüdische – gemäß eines Erlasses von Schuschnigg, damals noch Unterrichtsminister.

Ari Rath emigrierte im November 1938 nach Palästina. Es war Adolf Eichmann, der – seine erste große SS-Aufgabe – die "beschleunigte Ausreise" österreichischer Juden genehmigte.

Adenauer, Brandt, Kreisky, Yitzhak Rabin, Teddy Kollek, Shimon PeresAri Rath hat sie alle persönlich gekannt (auch Golda Meir, aber die mochte er nicht). Seit Kurzem erst ist er wieder oft und gern in Wien.

Als Mann des friedlichen Miteinanders fühlt er sich in der jetzigen israelischen Gesellschaft nicht mehr zu Hause.

KURIER-Wertung: **** von *****

Anita Augustin - "Der Zwerg reinigt den Kittel"

Karlotta, Marlen, Suzanna und Almut sind alt. So alt, dass man sie allesamt in Pension geschickt hat, und jetzt ist ihnen elendig fad.

Also starten sie die Operation "Hinterland". Der Plan ist simpel: Im Pensionistenheim "RESIDENZ" gibt es drei Pflegestufen. Daraus lässt sich schließen: Es ist ein deutsches Heim, und dort sind Fast-Leichen auf Stufe drei. Das wollen die vier nicht. Aber so ein "Zweier" wäre doch lustig, damit sie im Spital Narrenfreiheit genießen und ein bisschen mehr Geld bekommen.

Um die dafür erforderlichen Pflegestunden drastisch zu unterstreichen, klingeln sie die Schwestern um drei Uhr morgens aus dem Bett und beklagen sich abwechselnd, nicht einschlafen zu können. Sie hetzen das Personal von Zimmer zu Zimmer: Mundhygiene, Waschen, Windeln wechseln. Und dabei immer schön jammern, ärgern, lästig sein.

In ihrem Debütroman "Der Zwerg reinigt den Kittel" nimmt die Klagenfurterin Anita Augustin den Leser mit in die Abgründe altersbedingter Hinterlistigkeit.

Erzählt wird aus Sicht von Almut, einer kettenrauchenden Rentnerin, die es faustdick hinter den Ohren hat.

Wenn man nämlich eines aus dem Buch lernt, ist es Folgendes: Alte Menschen sind alles andere als harmlos und bloß hilfsbedürftig.

Auf den Seiten 145 bis 162 wird bis ins kleinste Detail geschildert, wie ein bemitleidenswerter Zivildiener, mit nassem Waschlappen bewaffnet, zitternd vor Almut steht, mit dem Auftrag, sie unter den welkenden Brüsten – an dieser Stelle als "langgezogene Hautsäcke/Auberginen" bezeichnet – zu waschen. Dass Almut ihm das nicht leicht macht und vom kalten Angstschweiß des armen Burschen äußerst amüsiert ist, versteht sich von selbst.

Ab und zu ist es zu viel Witz. Zu viel Bemühung um Erheiterung. Zu viel Almut. Es ist die bittere Mischung aus angelerntem Zynismus und Erfahrung, die den Roman unterhaltsam macht.

Und es finden sich einige gute Zitate, die nachdenklich stimmen: "Das Schicksal ist ein diskreter Kellner. Und er kommt nicht mit Kindstod und Autounfall, er kommt mit der Rechnung. Da steht: 1 x falsche Entscheidung mit Pommes. Und dann zahlst du. In bar. In Jahren."

Julia Seidl

KURIER-Wertung: **** von *****

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