Kultur
30.03.2018

Arcade Fire: Berstende Kabel beim Familienclan

Bassist Will Butler spricht über Bruder Win und den coolen Big-Band-Opa. Am 18.6. spielt die Band in Wien

„Irgendwie klingt es, als wäre es zu viel für die Kabel, als könnten sie jederzeit bersten!“ So beschreibt Arcade-Fire-Bassist Will Butler, der Bruder von Frontmann Win, das jüngste Album „Everything Now“. Damit veröffentlichte das Sextett, das mit einem eklektisch- melancholischen und üppig mit Streichern und Bläsern instrumentiertem Indie-Sound bekannt wurde, ein Werk, das elektronischer, fröhlicher und reduzierter klingt.

Aber das, erzählt Will im Interview mit dem KURIER, sei mehr Zufall als Resultat einer Entscheidung: „Wir haben schon bei beiden Alben davor gesagt, wir wollen einmal ein simpleres Album machen. Aber irgendwie ist das nie passiert. Warum es gerade jetzt so war, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht.“

Aufgenommen wurde in einem kleinen Raum („nicht größer als ein Schlafzimmer“) in New Orleans, weil die Arcade-Fire-Hauptsongschreiber Win Butler und seine Frau Régine Chassagne jetzt dort leben. Diese familiären Verbindungen innerhalb der Band sind für Will der Grund, warum Arcade Fire immer noch besteht – und das auch noch lange so sein wird. „Viele andere Bands existieren nicht einmal zehn Jahre. Deshalb habe ich unsere Verwandtschaft immer nur als Vorteil gesehen, als etwas das uns kontinuierlich zusammenhält. Dadurch kennen wir uns auch gut: Wir wissen, dass der andere nicht komplett verrückt ist. Und wenn wir wissen, dass er komplett verrückt ist, wissen wir, woher das kommt und können Sympathie dafür entwickeln. Zumindest Win, Régine und ich können uns nicht trennen. Also können wir genauso gut weiter Musik zusammen machen.“

Gast beim großen Bruder

Ganz so prächtig verstanden sich die Brüder aber nicht immer. „Als Geschwister – speziell bei zwei Brüdern, die zweieinhalb Jahre auseinander sind – da will jeder sein eigenes Ding machen. Wir haben als Kinder mit der ganzen Familie zusammen Musik gemacht, weil das bei uns immer präsent war. Später gingen wir ins Internat, aber wegen des Altersunterschiedes zu verschiedenen Zeiten. Da spielte Win in seinen Bands und ich in anderen. Ich war bei ihm anfangs mehr ein Gastmusiker. Denn so viele gute Bassisten gab es damals nicht. Und er sagte: ,Warum spielst nicht du bei mir mit? Die anderen Bassisten mag ich alle nicht!‘“

Die Musikalität haben Will und Win im Blut. Schon ihr Großvater mütterlicherseits, Alvino Rey, war eine Größe der damaligen Szene: „Er war Gitarrist, der Leader einer Swing-Jazz-Band, und baute die erste E-Gitarre für Gibson. Er entwickelte spezielle Tonabnehmer und den Drehregler, mit dem man die Klangfarbe ändern kann.“

Auf die Rückseite der allerersten Arcade-Fire-Single packten die Brüder deshalb einen Song vom Opa. Gespielt haben sie aber nie mit ihm – obwohl er bis kurz vor seinem Tod aktiv war und mit über 90 Jahren noch lernte, mit dem Programm Pro-Tools umzugehen. „Er war ein weit besserer Musiker als wir“, begründet Will. „Und er war deprimiert, als der Rock ’n’ Roll aufkam. Denn mit seiner Big Band spielte er all diese komplizierten, wunderbaren Akkorde und Harmonien, Arrangements von Duke Ellington. Er schrieb eigene Arrangements, die ähnlich ausgeklügelt waren. Rock ’n’ Roll war ihm zu simpel.“

Nichts Anständiges lernen

Die größte Inspiration für Win und ihn, sagt Will, sei aber ihre Mutter gewesen. Liza Rey-Butler spielt Harfe und Klavier, sowohl Klassik als auch Jazz. „Als wir in Houston aufwuchsen, spielte sie in Clubs und Schulen. Sie hatte ein Gesangsgruppe, die King Sisters. Und als sie ein Kind war, hatte sie mit ihrer ganzen Familie eine regelmäßige TV-Show. Als Win und ich Buben waren, brachte sie uns dazu, der Kinderband unserer Nachbarschaft beizutreten. Bei jeder Party bei uns zu Hause wurde Musik gemacht und gesungen. Das war einfach ganz normal für uns. Wir mussten unseren Eltern nicht groß erklären, dass wir Musiker werden wollen. Uns sie sagten nicht: ,Nein du musst etwas Anständiges lernen!‘“

Info:

Arcade Fire treten am 18. Juni in der Wiener Stadthalle auf. Karten für das Konzert gibt es unter: 01/96 0 96 oder www.oeticket.com