Netrebko in "Nabucco" an der Staatsoper: Zwischen Furie und Engel

Anna Netrebko singt zum ersten Mal in Verdis „Nabucco“ an der Wiener Staatsoper.
Anna Netrebko in "Nabucco" auf der Bühne der Wiener Staatsoper

Bereits 2021 hätte Anna Netrebko die Abigaille, die Tochter des Assyrer-Königs, in Giuseppe Verdis „Nabucco“ an der Wiener Staatsoper singen sollen. Das verhinderte eine Operation an der Schulter. Ihr Hausrollendebüt holt sie in der aktuellen Spielserie nach.

Diese Partie aus dem frühen Schaffen des Komponisten fordert von ihrer Interpretin enorme Flexibilität auf einer Skala von Extremen, die aus dunkler Tiefe in irre Höhen reicht. Netrebko bringt das mit. Sie intoniert mit einer Natürlichkeit, die ihresgleichen nicht so leicht finden wird. Virtuos changiert sie zwischen Furie und Engel. Sie ist das unbestrittene Kraftzentrum auf der karg ausgestatteten Bühne in Günter Krämers reduzierter Inszenierung. Der verschmolz darin den Krieg zwischen Israel und Assyrien anno 586 vor Christus subtil mit dem Holocaust. Nach fast 25 Jahren weist diese Inszenierung Brüche in der Spannung auf. Darüber lässt Netrebko hinwegsehen.

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Anna Netrebko in "Nabucco" auf der Bühne der Wiener Staatsoper

Furios fegt sie auf das Liebespaar Ismaele und ihre Halbschwester Fenena zu. Sie lässt die Enttäuschung einer zurückgewiesenen Frau spüren. Ihr vergebliches Ringen um die Liebe zu diesem Mann aus dem gegnerischen Israel lässt sie zur unerbittlichen Rächerin werden. Ihr Sopran lodert in den Spitzentönen. Ihre lyrischen Passagen berühren. Präzision ist bei ihr sekundär. Sie setzt auf Ausdruck und Emotionen. Für das „Anch'io dischiuso un giorno“ wird sie zurecht ausführlich gefeiert. Wie ein engelhaftes Wesen tritt sie in ihrer Sterbeszene auf und lässt ihre Stimme immer fahler werden. Netrebko hat auch die Gabe, andere auf der Bühne mitzureißen.

Davon profitiert Amartuvshin Enkhbat in der Titelrolle. 2013 hatte er Placido Domingos Wettbewerb „Operalia“ gewonnen. 2021 in einer Aufführung an der Staatsoper übernahm Enkhbat diese Rolle direkt von Domingo zum Gebet des Nabucco. Seither hat sich der 1986 in der Mongolei geborene Bariton damit öfter bewährt. Bedauerlich, dass er in dieser Aufführung sehr blass wirkte. Seine Wahnszene absolvierte er brav, sparte aber mit Ausstrahlung.

Gebet mit Bravos

Erst in der Streit-Szene mit Abigaille nimmt seine Darstellung und die gesamte Aufführung Fahrt auf. Sein Gebet verschaffte ihm wieder zurecht Bravos. Monika Bohinec ist eine etwas mehr als solide Fenena. Alexander Vinogradov forciert als Zaccaria und wirkt indisponiert. Sein Bass klingt mit einem Hang zum Leichtmetall hart. An Geschmeidigkeit mangelt es auch Ivan Magris’ Tenor. In den kleineren Rollen lässt Dan Paul Dumitrescu aufhorchen.

Der Chor intoniert achtbar, wortdeutlich und hat beim „Va, pensiero“ eine der stärksten Szenen in Krämers Inszenierung. Auf der abgedunkelten Bühne wird der „Gefangenenchor“ im Liegen angehoben. Wenn sich währenddessen alle mit Porträts von Opfern der Shoah erheben, trifft einen das ungebrochen wie bei der Premiere. Dirigent Marco Armiliato führt das Orchester versiert.

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