Anna Netrebko solo an der Wiener Staatsoper: Leidenschaft in schönsten Tönen

Spielfreudiger Opernstar wurde anhaltend behubelt.
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Der dunkelrote Samtvorhang auf der Bühne könnte vor Neid erblassen, wenn Anna Netrebko ihre Stimme ausrollt, wie bei ihrem Solo-Abend an der Wiener Staatsoper. Geschmeidigkeit, Fülle und Strahlkraft bündeln sich bei dieser Sängerin zu einem Paket an Qualitäten, aus dem sie sich je nach Bedarf bedenkenlos bedienen kann. Denn es ist genug von allem da. 

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Auch an Spielfreude. Die tobt sie bereits beim Aufritt aus. Maskiert mit hellem Umhang tritt sie auf, wirbelt um einen Tisch mit Kerzenleuchter, lässt sich auf einem Sessel nieder. Schwingt ihre Stimme dramatisch hoch, memoriert einen Text auf Italienisch mit russischem Akzent. Da agiert La Netrebko in einer ihrer Paraderollen, Francesco Cileas Adriana Lecouvreur. Noch ist sie nicht ganz locker, doch das ändert sich mit den ersten Höhen. Lang hält sie diese an. 

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Die Stimme dunkelt noch mehr ab

Mit Intensität intoniert sie zwei Lieder von Rachmaninow und Tschaikowski, bevor sie zu Richard Strauss wechselt. Die beiden Lieder „Ständchen“ und „Morgen“ klingen so, als wäre ihr dieses Repertoire eher fremd. Vor einem Jahr hätte sie in Wien als Ariadne debütieren sollen, doch sie sagte ab, weil ihr die Zeit für die Vorbereitung gefehlt habe. 

Für den Monolog der Primadonna alias Ariadne hätte Netrebko vokal alles dabei, dramatisch intoniert sie das „Totenreich“, ihre bereits von Natur aus dunkel klingende Stimme dunkelt noch mehr ab, ein richtiger Fluss aber kommt nicht in Gang. Im „Depuis le Jour“, der Arie der Louise von Gustave Charpentier, prunkt sie mit ihrem Sopran. Das ist Leidenschaft in Spitzentöne gegossen. 

Ganz in ihrem Element ist sie bei den Tschaikowski-Liedern. Da klingt sie absolut befreit. Verstörend besingt sie Liebe und Leidenschaft, betörend schön die Farben eines Sonnenuntergangs. Die Cavatina der Giulietta aus Bellinis „Romeo und Julia“, führt sie noch immer atemberaubend auf. Leoncavallos Nedda aus dem „Bajazzo“ verleiht sie ein Dosis Dramatik. Zum Abschied noch ein Kuss („Il Bacio“ von Luigi’Arditti).  

Bei den Opernduetten ergänzt Elena Maximova mit ihrem metallenen Mezzosopran als Partnerin. Am besten funktioniert das beim Auszug aus Tschaikowskys „Pique Dame“. Der Pianist Pavel Nebolsin ist ihr ein verlässlicher Begleiter. Bei den Opernauszüge verstärkt Geiger Kurt Mitterfellner, ein Schüler von Renaud Capuçon. 

Jubel nach den Zugaben, einem kurzen Ausschnitt aus Mozarts „Figaro“, mit dem Netrebko an ihre Susanna erinnert, und „Non ti scordar di me“. Übrigens, die paar Demonstranten, die beim Einlass zu Beginn hart an der Wahrnehmungsgrenze demonstrierten, waren weg. 

Am 27. Februar setzt Netrebko als Abigaille in Verdis „Nabucco“ ihre Auftritte an der Staatsoper fort.

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