Russische Kunst: Von Netrebko, Babler und der Scala
Sehr geehrtes Kulturamt!
Mit Empörung habe ich registriert, dass die Mailänder Scala ihre neue Saison am 7. Dezember mit einer russischen Oper eröffnet: „Lady Macbeth von Mzensk“ von Schostakowitsch. Sind die dort blind und sehen nicht, was nach wie vor in der Ukraine passiert? Oder ist in Italien unter Regierungschefin Giorgia Meloni ohnehin alles egal? Ich erwarte mir von Ihnen eine amtliche Protestnote gegen diese Programmierung. Aber pronto!
Mit verwunderten Grüßen, P. G.
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Sehr geehrter P. G.,
vielen Dank für Ihr Schreiben, dessen Einlangen wir hiermit gerne bestätigen (Geschäftszahl 28/2025). Mit einem amtlichen Protest unsererseits sollten Sie allerdings nicht rechnen – wir lehnen diese Programmierung gar nicht ab. Dmitri Schostakowitsch war durch und durch Regimekritiker, gerade seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ sorgte für einen Konflikt mit Stalin, der, nachdem er vorzeitig eine Aufführung verlassen hatte, möglicherweise sogar selbst eine Rezension titels „Chaos statt Musik“ verfasste (oder diese zumindest absegnete). Schostakowitsch war in Folge von der offiziellen Sowjetunion geächtet, was ihn aber nicht daran hinderte, subversiv weiterzukomponieren. Seine „Lady Macbeth“ steht also stellvertretend für die Auflehnung von Kunst gegen die Politik. Noch dazu wird in diesem Jahr des 50. Todestages von Schostakowitsch gedacht, die Mailänder Scala setzt unter ihrem neuen Intendanten Fortunato Ortombina also einen aus kulturamtlicher Sicht respektablen, wenn auch in Hinblick auf die Bekanntheit des Werkes kühnen Schritt.
Auch in unseren Räumlichkeiten herrscht allerdings ein Bewusstsein dafür, dass es im Umgang mit russischen Künstlern einer Sensibilität bedarf. Dass Anna Netrebko zuletzt in Zürich in Verdis „Forza del Destino“ mit Maschinengewehr auftrat, dokumentiert wohl auch ihre eigene Unreflektiertheit. Dass Österreichs Kulturminister Andreas Babler mit seiner Unterschrift den Antrag der Kurie für Kunst auf Verleihung der höchsten Auszeichnung für den Dirigenten Teodor Currentzis durchwinkte, passt ebenfalls ins Bild der Gedankenlosigkeit, vielleicht sogar der Unwissenheit, was genauso schlimm ist.
Für einen generellen Bann über russische Kunst stehen wir im Kulturamt jedenfalls nicht zur Verfügung. Und wir erinnern daran, dass die Scala vor drei Jahren mit „Boris Godunow“ eröffnete und im Vorjahr Netrebko in Verdis „Forza del Destino“ (ohne Maschinengewehr) zu Gehör brachte. Aber das Amtsarchiv ist ja der Feind der Empörungswilligen.
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