Anna Mitgutsch

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Literatur
03/05/2016

Anna Mitgutsch: Urteilen ist nicht möglich

Der Roman einer Annäherung zwischen dem alten Vater und seiner Tochter.

von Peter Pisa

Papa ist: "ein Hauch Vogelknochen".

Jetzt muss man nicht mehr dazu sagen, dass er weit über 90 ist und bald sterben wird. Papa ist nicht nur Vogelknochen. Er ist ein Hauch davon.

So schreibt Anna Mitgutsch, eine Dichterin. Sie findet Sprache, wo man glaubt, es gibt keine. Sie löst Gefühle aus, deren Namen man gar nicht kennt. Reaktionen, die sich kaum benennen lassen.

Nie ist einer ihrer Sätze bloßes Füllmaterial, und auf jenen Seiten in "Die Annäherung", auf denen die Linzerin "nur" Schriftstellerin ist, kann man (muss man) an vielen Stellen innehalten.

Zum Beispiel, wie alles von ihr nicht für die Spaßgesellschaft geschrieben:

"Wir werden unsichtbar, lange bevor wir uns nutzlos fühlen, auch unseren Nächsten geraten wir aus dem Blick wie Gegenstände, die schon zu lange am gleichen Platz verharren."

Ehe in Gefahr

Wer nähert sich wem an?

Es ist eine Annäherung an den Tod, aber mehr noch eine zu späte Annäherung an ein mutiges, selbstbestimmtes Leben.

Es ist vor allem eine Annäherung zwischen Vater und Tochter. Die Tochter ist auch schon über 60. Frieda heißt sie. 18 war sie, als ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Der Vater – Theo, einst Gärtner von Beruf – hat sie rausgeworfen: "Geh, du gefährdest meine Ehe!" hat er gerufen.

Mutter war schon tot, und Vater lernte eine "Neue" kennen, die Berta. Ein dummer Mensch, darauf bedacht, sich einzunisten und Frieda als Störefried schlechtzumachen.

Vater ließ es geschehen. War ein leichtes Spiel für Frau Berta: Die Tochter verhörte Vater über seine Kriegserlebnisse. Über Pflicht und Schuld kann man gut streiten. Man kann auch darüber verstummen, wenn’s eh nur darum geht, anzuklagen ...

So viel Unterschied zu Anna Mitgutschs großem Roman "Wenn du wiederkommst" – wenn der Partner gestorben ist – ist da gar nicht. Auch im neuen Buch wurde ein Dialog abgebrochen, wenngleich noch nicht durch den Tod.

Auch im neuen Buch wird vom Ende her (vom nahenden) das Leben genauer angeschaut ... mitsamt dem Grundgefühl der Liebe. Und der Sehnsucht.

Und der Ohnmacht vor dem Uneingelösten.

Gebraucht werden

Berta verhinderte Treffen über Jahrzehnte hinweg. Vater gelang es ab und zu heimlich, wenigstens mit seiner Tochter zu telefonieren.

Aber begegneten sie einander auf der Straße, wurde weggeschaut.

Viel ist vom Gebrauchtwerden die Rede, und wenn der Alte nach einem Schlaganfall und seine Berta nach einem Herzinfarkt Hilfe brauchen, ist die Tochter da.

Anna Mitgutschs hohe Kunst ist auch, wie dicht sie schreibt. Sie wechselt die Sichtweise, Wer alle Seiten kennenlernt, kann vielleicht urteilen.

Und selbst wenn das bereits ein fertiger Roman wäre, der Herz und Hirn öffnet (und gegebenenfalls das Eis in uns zerschlägt):

Es kommt noch eine ukrainische 24-Stunden-Pflegerin für Vater hinzu, Ludmila; und sie kann zuhören. Nicht so wie Berta.

Nicht so wie Frieda.

Alle haben versagt als Mitmenschen. Wegen Ludmila würde er noch am Leben bleiben wollen. Wäre sie die richtige Tochter für ihn gewesen!

Nein, ein Urteil ist nie möglich. Was möglich ist (beim Lesen von Anna Mitgutsch): Begreifen kann man. Zum Wissen kann man vordringen.

Anna Mitgutsch:
„Die Annäherung
Luchterhand Verlag.
448 Seiten.
23,70 Euro.

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