Geprüfte Barkeeperin ist sie auch: Dramaturgin und Schriftstellerin  Anita Augustin, Jahrgang 1970

© /Ullstein Verlag

Wer reißt immer den Käse auf?
09/29/2014

Wer reißt immer den Käse auf?

"Alles Amok": Die Klagenfurterin Anita Augustin schreibt kranke Satiren.

von Peter Pisa

Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand, Jakob, hat meine Mutter immer gesagt, und das mag ja stimmen. Nur blöd, wenn Gott die Faust ballt.Anita Augustin "Alles Amok"

Jakob ist 25 und unauffällig. Naja. Er arbeitet für 8 Euro 50 pro Stunde als Profidemonstrant. Schreit mit Hebammen für mehr Geld. Klettert auf Bäume. Kaut Kaugummi für den Weltfrieden.

Im Supermarkt reißt er die Käsepackerln auf und schlägt sich den Bauch voll. Bei HA & EM hat er ein einziges Mal Gewand gekauft, seither tauscht er es alle paar Tage um. Jakob hat dort einen lieben Freund an der Kassa, der ihm dabei hilft.

Er ist demnach fast unauffällig.

Wie seine Freunde, zum Beispiel der obdachlose Paul, dem Jakob im Park immer die Haare wäscht.

Ein Geheimnis hat er, das ihn anders macht. Es hängt mit seiner Operation als Neunjähriger zusammen. Hier wird es bestimmt nicht gelüftet. Man muss "Alles Amok" kaufen.

Im Paradies

Die in Berlin lebende Klagenfurterin Anita Augustin ist gut. Sehr gut sogar. Ihr Witz macht das öde Leben, über das sie schreibt, nicht nur erträglich, sondern teilweise zum Genuss. (Wenn man es nicht selbst führen muss.)

Im Vorjahr, in ihrem Debüt "Der Zwerg reinigt den Kittel", hatte sie mit Situationskomik und sozialem Blick in ein Altersheim geführt.

"Alles Amok" fällt in zwei Teile. Und ein bissl auseinander. Jakob und seine Freunde bekommen nämlich Jobs in einem neuen Vergnügungspark. Der heißt "Paradies", und da ahnt man Schreckliches.

So sehr sich dort die Besucher amüsieren: (Bedeutungs)schwer liegt die zweite Buchhälfte im Kopf. Jakob arbeitet als kostümiertes Frettchen Willie, und bei der "Freakshow" sorgt er zwei Mal täglich für Lichteffekte.

Die Mitarbeiter werden von einer Wohlfühlfee eingeschult, Antoine de Saint-Exupérys kleiner Prinz soll Vorbild sein – allerdings zieht ein schwarzer Prinz mit der Peitsche durchs "Paradies" und dem Titel des Romans entgegen.

Die Gesellschaftssatire nimmt immer absurdere Formen an, da kann passieren, dass man vorzeitig flüchtet.

Teil eins verdient viereinhalb Wertungssterne. Locker. Insgesamt geht sich das leider nicht aus.

Alles Amok. Schade, dass der neue Roman der Klagenfurterin einen zweiten Teil hat.

KURIER-Wertung:

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