Kultur
01.10.2017

Als man einfach nur erwachsen wurde ...

Neuer Verlag: Die Buchhändlerin Anna Jeller veröffentlicht jenen Roman, der ihr als Mädchen Kraft gab.

Die bekannte Wiener Buchhändlerin Anna Jeller, seit mehr als 30 Jahren in der Margaretenstraße 35, hat einen Verlag gegründet.

Der Zeitpunkt ist spannend. Die Umsätze der Buchbranche brechen (wieder einmal) ein, die FAZ berichte vergangene Woche erschrocken, nur noch jeder fünfte Deutsche lese Bücher ("Erträgt niemand mehr die Einsamkeit der Lektüre?"). Angeblich werden Romane von großen Buchhandelsketten mitunter abseits gereiht, weil eh vor allem – leicht lesbare – Krimis gekauft werden.

Gerhard Ruiss von der IG Autoren relativiert: "Wir haben ein, zwei Generationen verloren. Man hat geglaubt, digitale Medien können alles. Das hat vom Lesen weggeführt, aber nicht von Büchern! Große Verlage leiden darunter, die kleineren können damit besser umgehen."

Beginn

Anna Jeller hat in ihrer Edition zunächst nur ein einziges Buch herausgebracht. Dann schau ma weiter ...

Es heißt "Siebzehnter Sommer" von der in die USA ausgewanderten Irin Maureen Daly (1921 – 2006). 1942 erstmals veröffentlicht, gilt ihr Roman als Beginn einer Literatur, die extra für die Jugend geschrieben wird.

Damals gab es noch kein sogenanntes Coming of Age, sondern bloß ein Erwachsenwerden. Das war schön.

In "Siebzehnter Sommer" rauchen Burschen und trinken Alkohol. Das fiel in den 1940ern unangenehm auf.

Unter ihnen sind Jugendliche, die den Mond beobachten, schweigend, staunend, denkend. Das fällt heute beim Lesen auf; angenehm.

Es geht um die erste Liebe. Die Sommerliebe der 17-jährigen Angie. Daly selbst war 17, als sie begann, diesen Roman zu schreiben.Echt klingt das. Noch immer frisch. Das Einfache ist das reizvollste.

Anna Jeller hat das Buch im Alter von 13, 14 gelesen. Damals war eine übersetzte Ausgabe erhältlich. Für sie war entscheidend: Angie – ein stilles Mädchen – fühlte sich anders als die Schulkolleginnen. Mit ihr konnte sich Anna Jeller identifizieren. Später wurden zwar Ingeborg Bachmann wichtig, Musil, Tolstoi, Joyce ... Aber Angie vergaß sie nicht. Angie hatte ihr Kraft gegeben. Mit der Neuausgabe bedankt sich die Verlegerin.

Noch ein Verlag sperrte in Wien auf: der Dachbuch Verlag. Das erstes Buch hat den seltsamen Titel: "Tito, die Piaffe und das Einhorn" . Ein Politikberater stänkert über die Wiener Stadtpolitik. So ein Zufall, Autor Christian Moser-Sollmann arbeitet für Sebastian Kurz – er bereitet Dossiers vor. Macht er bestimmt gut.

Maureen Daly: „Siebzehnter Sommer“ Neu übersetzt von Bettina Obrecht. Cover von Kat Menschik. Edition Anna Jeller. 280 Seiten. 24,90 Euro.

KURIER-Wertung: ****