© Hans Jörg Michel

Kultur
05/08/2012

Alpiner Sex & Crime: Moretti und Minichmayr

Tobias Moretti statt Nicholas Ofczarek: Das Münchner Residenztheater hat einen neuen Jäger in Kušejs "Weibsteufel"-Inszenierung.

Das Perfekte lässt sich nicht perfektionieren. Es lässt sich modifizieren. Was es nicht "besser", aber anders macht.

Martin Kušej, Intendant des Münchner Residenztheaters, hat seine 2008 noch fürs Akademietheater angefertigte Inszenierung von Karl Schönherrs "Der Weibsteufel" an sein Haus übersiedelt. Seit Montag steht darin ein neuer Hauptdarsteller auf der Bühne. Tobias Moretti übernahm die Rolle des Grenzjägers von Nicholas Ofczarek, der sich wegen Überlastung zurückzog. Mit ihm spielen nach wie vor Werner Wölbern den "Mann", den Schmuggler und Hehler, und Birgit Minichmayr "sein Weib".

Es zeugt von Morettis Mut, seiner großen Lust am Schauspiel, sich in die hochgelobte, ausgezeichnete Arbeit einzubringen. Er hat’s getan. Mit Leib und Seele.

Und Kušej. Der sich für Moretti buchstäblich noch einmal ans Werk setzte. Denn naturgemäß macht sich einer wie der Tiroler Theatermann keine vorhandene Figur zu eigen; er erfindet seine eigene. Sein Grenzjäger ist leise, listig, schlau, schmeichlerisch-gefährlich; lapidar, lakonisch "unterspielt" Moretti den Text.

Der Tonfall ist neckischer, spöttischer geworden.

Trio infernal

Der Inhalt des Stücks, immerhin, ist einer Bauernkomödie nicht unähnlich: Der Hehler setzt seine Frau auf den Ordnungshüter an. Sie soll ihm schöne Augen machen, damit er in Ruhe Schmugglerware wegschaffen kann. Des Uniformierten Plan allerdings ist nicht viel anders – verführt er sie, so plaudert sie. Über die Machenschaften ihres Mannes. Bald aber ist er es, dem sich der Kopf verdreht ...

Aus dem Ofczarek-Minichmayr’schem Märchen "Wolf im Mann und hinterfotziges Rotkäppchen fressen einander bei lebendigem Leibe" wird mit Moretti ein Fuchs-und-Henne-Spiel. Statt aggressiver Erotik, statt des Funkenschlags, wenn Körper ineinander fahren, gibt’s lang Tändelei, Umeinander-Tänzelei.

Die Manipulationsgeschichte mit wechselnden Machtverhältnissen ist nun endlich eine letale Lovestory. Und die Fallhöhe der Figuren ist deutlich gestiegen.

Das lässt Minichmayr ihr "Weib" anfangs lieblicher anlegen. Mütterlicher gegenüber ihrem kränklichen Mann, verunsichert wegen der schönen Art des Fremden, moralisch entrüstet schnaubend wegen des zweifach unsittlichen Angebots.

Bis sie sich wieder wie ein Succubus durch die Lüfte dreht (das Bühnenbild von Martin Zehetgruber ist immer noch atemberaubend) und beschließt, dass ihr ein Haus am Marktplatz, ererbt vom Schwarzhändler, lieber ist als jedes Mannsbild. Was den einen reif für den Bauchstich, den anderen ergo fürs Schafott macht.

Am Ende: Eskalation

Sex & Crime im Hochgebirge. Da war’s still im Residenztheater. Davor ließ man sich durch die neue Art des Spiels allzu bereitwillig amüsieren.

Beispiel: Als die Minichmayr in Wien ein Schmugglerpaket Richtung Bühnenhintergrund weg- und dem Jäger ein "Hol’s Apportl!" zuschleuderte, fiel das Publikum angesichts der wütenden Ofczarek’schen Ohnmacht fast in Schreckstarre.

Nun wurde sehr gelacht.

KURIER-Wertung: **** von *****

Fazit: Nichts an Kraft eingebüßt

Inszenierung: Kušejs Regiearbeit hat seit ihrer Premiere nichts an Kraft eingebüßt. Immer noch schön zu sehen, wie er aus Schönherrs rabiatem Volksstück ein modernes Dreiecksdrama geschält hat.

Schauspieler: Der neue Mann bringt eine neue Farbe ins Spiel. Durch Morettis andere Rollengestaltung haben auch Minichmayr und Wölbern an ihren Figuren gefeilt. Nun wird weniger traktiert, mehr taktiert.

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