© Pressefoto Peter Rigaud

Interview
10/20/2019

Alfred Dorfer: "Der Trend ist die grüne Halblinkheit"

Der Kabarettist spricht über die Rätsel der Demokratie und die Dumpfheit der Aggression.

von Werner Rosenberger

Von „und …“ geht dieser Tage allein im Stadtsaal in Wien die 50. Vorstellung über die Bühne. Das Solo hatte seit der Uraufführung im Herbst 2017 mehr als 100.000 Zuschauer – auch in der Schweiz und in Deutschland – „und hat sich immer wieder angepasst an das, was passiert. Und auch an mich“, so Alfred Dorfer im KURIER-Gespräch.

Sie spielen von Hamburg bis Bozen, von Zürich bis Wien, jetzt gerade in Bayern. Wie ist die Wahrnehmung des Österreichers in Deutschland?

Alfred Dorfer: Unterschiedlich. Der Bayer ist ja durch die CSU-Geschichten an Korruption gewöhnt. Aber auch für ihn ist Ibiza überraschend. Während sich der protestantische Deutsche im Norden gerne über andere erhebt und meint, er hätte die Moral im Sack. Dass der Chef vom Spiegel schrieb, in Deutschland wäre Ibiza undenkbar, finde ich kurz nach dem Relotius-Skandal ziemlich keck.

Wie erklären Sie sich den Niedergang der Sozialdemokraten in Europa?

Die sogenannten linken Parteien büßen jetzt für die jahrzehntelange Verfehlung, dass man bestimmte Themen nicht in den Griff bekommen hat. Und dass man sich mit denen aus der Wirtschaft ins Bett gelegt hat, die man vorgeblich bekämpfte. Diesen Verrat verzeihen die Leute auf lange Sicht nicht. Von den Rechten ist man diesen Verrat ja gewohnt. So wählen die Leute im Rust Belt, der ältesten und größten Industriezone in den USA, trotzdem Trump.

Und bei uns?

Da verschiebt sich das jetzt in eine Camouflage: Alle heimatlosen SPDler und SPÖler wählen jetzt grün. Diese neue, frische Halblinkheit mit den grünen Schuhen ist der Trend. Und wer etwas Geld hat, muss sich auch nicht mehr genieren dafür, weil er ja für den Klimawandel etwas Gutes tut.

Da spricht der Zyniker aus dem Satiriker! Und die SPÖ?

Diese Partei stellt sich so dar, dass es einen mehr oder weniger konservativen Basisriegel mit den Gewerkschaften gibt, die keine Veränderung wollen, aber auch keine Ideen haben. Das ist schlimm. Und bei Thomas Drozda und Pamela Rendi-Wagner hatte ich das Gefühl, die agieren wie schauspielerisch ausgebildete Handpuppen, die die Probleme derer, die SPÖ wählen sollen, gar nicht begreifen.

Dazu kommt, dass die SPÖ die Klaviatur der neuen Medien nicht spielen kann.

So wie die Franzosen immer noch glauben, sie seien eine Weltmacht, so meint man in der SPÖ nach wie vor, man sei vorne und müsse nichts mehr tun. Diese Saturiertheit in der Löwelstraße finde ich sehr erstaunlich.

In Ostdeutschland ist die AfD bereits gleichauf mit der SPD.

Das Wahlergebnis dort ist sehr speziell. Dieses Biotop in diesen fünf Bundesländern ist sehr eigen auf Grund der Geschichte, wie damit umgegangen wurde. Dazu kommt die Eigenschaft, sich gern als Opfer zu sehen, die auch wir gut kennen. Dieses Konglomerat mit dem sehr geringen Ausländer- und Flüchtlingsanteil, aber dem größten Ausländerhass kennen wir auch, deshalb ist das nicht verblüffend.

Dazu kommt der von der AfD geschürte Antisemitismus, der zuletzt zum Anschlag in Halle geführt haben soll.

Mich hat sehr schockiert, als man die Porträts von NS-Überlebenden heuer in Wien am Burgring in der Schau „Gegen das Vergessen“ zerschnitten hat, weil ich diese Dumpfheit der Aggression und auch das Ziel der Aggression nicht begreifen kann.

Trump hat laut „Washington Post“ seit Amtsantritt 12.000 Mal gelogen. Aber laut Umfragen glaubten 82 Prozent der republikanischen Wähler Trump mehr als den Medien. Das ist ja nicht einmal mehr Tunnelblick, sondern absolute Blindheit!

Gegenfrage: Wenn 45.000 Österreicher dem auf dem Ibiza-Video bei der EU-Wahl ihre Vorzugsstimme geben, ist das weniger oder genauso erstaunlich?

Mindestens genauso erstaunlich.

Das sind die Rätsel in der Demokratie: Dass es eine gewisse Resistenz gegen Lernprozesse gibt. Außerdem eine gewisse Resistenz gegen unangenehme Wahrheiten. Und das ist natürlich ein sehr gefährliches Potenzial.

Das Ibiza-Video hat der FPÖ weit weniger geschadet als die Spesenaffäre, die eine viel größere Wirkung entfaltet hat. Denn wie es so schön heißt: Der Neid is a Hund!

Es gibt ja auch den Neid, der beflügelt, dass jemand auch dorthin möchte, wo der andere schon ist. Aber die österreichische Variante ist: Ich will nirgendwo hin, ich will nur, dass der andere etwas nicht hat. Dieses Destruktive, diese Intrige ohne Selbstnutzen, ist schon sehr speziell. Ich glaube, das hat mit Feudalismus zu tun. Die Jörg-Haider-Linie war seit 1986: Die FPÖ räumt auf, geht in den Filz hinein, macht alles anders – ohne rot-schwarzen Proporz. Das war für viele eine große Hoffnung. Und für die FPÖ-Führung war der größte Sündenfall, dass sie sich bereichert.

Wobei sich zeigt: Je geringer das Bildungsniveau, umso mehr wurde FPÖ gewählt.

Darunter sind auch vor allem die, die Angst haben, weil der ökonomische Druck von unten kommt. Da hat die FPÖ immer so getan, als sei sie das beschützende Bollwerk. Durch die Spesenaffäre ist das nun widerlegt.

Alfred Dorfer mit „Und...“ am 22. und 23. 10. (20 Uhr), Stadtsaal in Wien