Kultur
10.06.2017

Alfons Haider: "Als Warmer verkauft man keine Butter"

Alfons Haider, 59, hat 2017 viel zu feiern: 40 Jahre TV-Moderation und seinen 60. Geburtstag. In der freizeit zieht der Life-Ball-Moderator Bilanz und erzählt, warum er seine TV-Karriere heute anders planen würde, weshalb er nicht im „Tatort“ spielt und was er sich am allermeisten wünscht.

Es ist elf Uhr mittags und Alfons Haider empfängt uns als zuvorkommender Gastgeber mit den Worten: „Cola oder kalter Kaffee?“ Fast fühlt man sich in die Zeiten der „Nette-Leit-Show“ versetzt, als Hermes Phettberg seine Gäste fragte: „Frucade oder Eierlikör?“ Irgendwie ist es auch eine Reise in die Vergangenheit, feiert Haider heuer doch gleich zwei Jubiläen: den 60er und 40 Jahre TV-Moderation. In wenigen Stunden wird er für den ORF vom Red Carpet des Life Ball berichten, aber vorerst bittet er uns über die Treppe seiner Dachgeschoßwohnung auf eine seiner beiden Terrassen. „Oben ist es kühler.“ Der Weg dorthin führt vorbei an unzähligen Elefanten-Figuren, die er seit 30 Jahren sammelt. „Ist Ihnen etwas aufgefallen?“, fragt er. Bis auf die vielen bunten Tierchen nicht. „In der ganzen Wohnung hängt nur ein einziges Bild von mir.“ Der Vorwurf der Eitelkeit, den er sich seit vielen Jahren gefallen lassen muss, scheint in ihm zu arbeiten. Oder doch nicht? Denn schließlich sagt er: „Alle meine Fotos hängen am Klo.“

Herr Haider, Ihre Wohnung ist voller Elefanten. Was hat es mit dem Bild hinter Ihnen auf sich?

Nicht viel. Mir hat einfach das Bild gefallen.

Ein besonderer Maler?

Das glaube ich eher nicht. Ich habe das Bild in einem Möbelhaus gekauft.

Was muss passieren, dass man Tausende Elefanten sammelt?

Vor 30 Jahren habe ich die Sendung „Tier mal vier“ moderiert und bin dabei in Schönbrunn der Elefantendame Jumbo begegnet. Sie hatte ihre Familie verloren und ich bin bis zu ihrem Tod drei Jahre lang jeden dritten Tag zu ihr gefahren und habe zwei Stunden mit ihr verbracht. Sie war beinahe fünf Tonnen schwer und ich hatte mit ihr eine der schönsten Zeiten meines Lebens.

Was haben Sie mit ihr gemacht? Auf einen Kaffee kann man ja mit einem elefanten nicht gehen.

Mit ihr gearbeitet. Sie war so zärtlich, das kann man sich nicht vorstellen. Elefanten schlafen nur, wenn jemand aus der Herde bei ihnen ist. Ich war ihre Leitkuh, sie hat sich auf Augenhöhe zu mir herunterbegeben, die Augen zugemacht und für einige Sekunden geschlafen. Das war für mich das Höchste der Gefühle.

Sie waren dem Life Ball, der zum 24. Mal stattfindet und den Sie heute wieder für den ORF moderieren, ähnlich treu. Waren Sie all die Jahre dabei?

Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich nur einen einzigen ausgelassen habe, weil ich krank zuhause gelegen bin. Sonst habe ich auf jedem irgendeine Rolle gespielt – als Juror, Sänger oder Model. Ich habe auch den allerersten Life Ball moderiert. Damals war Kanzler Vranitzky zu Gast. Ich wollte, dass er sich das Red Ribbon ansteckt, was er verweigert hat. Er wusste nicht, wofür die rote Schleife steht (Anm.: Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken). Ich hätte ihn damals besser vorbereiten müssen.

Heute kennt das Zeichen fast jeder. Welchen Anteil hat der Life Ball daran?

Da hat der Life Ball vieles bewirkt. Er war von Anfang an ein Symbol für die Gleichstellung aller Menschen und natürlich auch ein Aufschrei der Homosexuellen in Wien gegen Homophobie. Diese Ablehnung ist später auch auf Menschen übergeschwappt, die HIV-positiv waren oder Aids hatten. Mir fallen immer wieder die Worte eines guten Freundes ein, der an seinem Sterbebett sagte: „Hätte ich Krebs, wäre ich eine arme Sau und meine Familie würde hier stehen und trauern. Ich habe aber Aids, bin eine perverse Sau und keiner ist bei mir.“ Das ist heute zum Glück anders.

Trotzdem ist der Life Ball zuletzt immer öfter kritisiert worden. Was sagen Sie als Mann der ersten Stunde dazu?

Was der Gery da erreicht hat, ist ein unfassbares Lebenswerk. Er hat aus einem kleinen Verein eine weltumspannende Organisation gemacht. Und als er gemerkt hat, dass etwas nicht mehr stimmt, hat er das einzig Richtige gemacht und gesagt: Es muss was Neues her.

Seriosität statt wilder Partyzeit?

Jede Party ist Shakespeare. Jedes Fest ist ein Fest zwischen Lachen und Weinen, Tod und Leben, zwischen Clowns und Dramatik. Der Life Ball besteht aus allen Dingen, aus denen auch das Leben besteht. Es ist ein Event, das Geld hereinbringen und die Menschen zum Nachdenken anregen soll. Eine Zeit lang wollten Schwule auch zeigen, was sie draufhaben. Andere wollten Schwule schauen gehen. Mir waren die friedlichen Jahre in der Mitte am liebsten. Da war die Mischung meiner Meinung nach halbe halbe.

Alfons Haider im Gespräch mit freizeit-Redaktuerin Barbara Reiter

Von der Akzeptanz, die es heute gegenüber Homosexuellen gibt, konnten Sie nicht profitieren. Wie haben Sie Ihre jungen Jahre als homosexueller Mann in Erinnerung?

Als ich es überrissen habe, war ich 23. 1977 war Schwulsein keine Hetz, der Letzte ist dafür 1972 in den Häfen gegangen. Erst mit Kreisky, Androsch und Broda, die alle nicht schwul waren, ist die Befreiung der Schwulen gekommen. Ich war 40, als ich öffentlich gemacht habe, dass ich Männer liebe. Das war 1997 und damals war Günter Tolar der Einzige, der offen zu seiner Homosexualität gestanden ist, danach kam ich. Ich kann keine Namen nennen, aber erst jetzt langsam kommen auch ganz alte Kollegen drauf, dazu zu stehen.

Sie werden im November 60 Jahre alt und haben damit Grund, Bilanz zu ziehen. Sie haben eine tolle Karriere gemacht, sehen gut aus und trotzdem hat man als Beobachter das Gefühl, Sie wären manchmal unzufrieden. Woher kommt das?

Das kann ich Ihnen sagen: Es kommt daher, weil man mir jetzt keine Chance gibt, dorthin zurückzukehren, wo ich angefangen habe – am Theater. Ich habe mir mit meiner großen Fernsehkarriere, die ich gerne gemacht habe, doppelt ins Knie geschossen. Ich habe sieben Jahre an der Josefstadt gespielt und sechs Jahre am Volkstheater. Aber dann bin ich ein bunter Hund geworden.

Da könnten Kritiker jetzt sagen: Man kann eben nicht alles haben.

Es gibt ein Kastldenken und da bin ich auch selber schuld. Ich habe das Theater-Terrain freiwillig verlassen. Nur: Hätte ich gewusst, dass Theater für mich dann so ausgeschlossen ist, hätte ich es anders gemacht. Ich habe meinen eigenen Sender dreimal gebeten: „Bitte setzt’s mich wieder mal bei einem Tatort ein.“ Die Antwort war immer gleich: „Das geht nicht, du bist unser Hochglanzgesicht. So lange das anhält, wird sich das nicht ändern.“

Ist das, denen Sie, der einzige Grund?

Ich habe mich natürlich auch gesellschaftspolitisch und politisch oft geäußert und das ist natürlich tödlich für einen Unterhalter. Mein lieber Freund, Unterhaltungschef Edgar Böhm hat gesagt: "Ich bitte dich lieber Alfons, äußere dich nicht politisch. Ich kann es dir nicht verbieten, ich kann es dir nur empfehlen, für deine Karriere." Das ist auch der Grund, warum ich keine Werbung mehr mache. Nach meinem Outing war es mit Werbung über Nacht vorbei. Als Warmer, das ist jetzt provokant, verkauft man keine Butter. Da sind die Deutschen weiter.

Immerhin moderieren Sie die größten TV-Ereignisse von Opernball bis Life Ball.

Natürlich ist das schön, weil es vertrauensvoll ist. Aber man kann weder davon leben, noch damit zufrieden sein. Es ist einfach komisch, dass ich mit größten Schwierigkeiten zu kämpfen habe, dorthin zurückzugehen, wo ich große Erfolge mit internationalen Serien gefeiert habe. Der Günter Tolar hat mich nach meiner ersten Freitag-Hauptabend-Show gewarnt: „Jetzt werden Sie der Liebling der Nation, aber damit für die sogenannte Intelligenz unmöglich.

1995 hatte Alfons Haider Sophia Loren vor dem Mikro und behielt trotz Mega-Ausschnitt Contenance

Haider am Opernball 1996 mit einer zutraulichen Dame Edna und Moderations-Kollegin Barbara Stöckl

Muss es unbedingt wieder die Josefstadt oder das Volkstheater sein? Gerade im Sommer gibt es doch genug Möglichkeiten, Theater zu spielen?

Die werden den Teufel tun, sich einen Kollegen ins Nest zu holen. Ich war da immer anders und habe alle Kollegen engagiert. Aber von meinem Wunsch weiß ja auch niemand. Die werden denken: Er hat 31 Jahre Stockerau gemacht und hat genug.
In Stockerau waren Sie Intendant der Festspiele. Ich habe Sie 2008 gesehen ...

Welches Stück war das gleich?

Jetzt haben Sie mich am falschen Fuß erwischt. Aber das Stück war sehr bunt.

Ich glaube, es war „La Cage Aux Folles“. Aber ich habe auch unlängst etwas von mir gesehen, an das ich mich nicht erinnern konnte. Nachdem ich halt schwul bin, liegt in einer Szene ein Halbjüngling im Bett und ich denke mir: So fesch und kriege Gänsehaut am Rücken, weil ich es selber war. Ich habe mich an „Roda Roda“ nicht erinnern können. Das ist 40 Jahre her.

Im Nachhinein sieht man sich oft schöner als im Moment. Es geht vielen so.

Ich war mit Fotos von mir eigentlich nie zufrieden und mochte es auch nie, mir meine Fernsehshows im Nachhinein anzusehen. Wir müssen das, damit wir wissen, was wir das nächste Mal besser machen. Schlecht bin ich vor der Kamera als Interviewpartner. Ich weiß, wo die Kollegin hinwill, weiche aus und sie galoppiert mir nach. Oft denke ich mir, ich bin in einer Journalistenschule. Meine Lieblingsfragen sind: „Wie ist es, schwul zu sein?“ und: „Wie merken Sie sich Ihren Text?“ Wenn ein Interview mit den Fragen beginnt, dauert es höchstens acht Minuten.

Die Frage nach einem Rezept, sich lange Texte zu merken, habe ich Schauspielern schon einige Male gestellt.

Da gibt es eine Antwort. Alles, was man gerne macht, merkt man sich.

In einem halben Jahr werden Sie 60. Wie sieht Ihr weiterer Lebensfahrplan aus?

Ich habe viel Glück gehabt und tollen Menschen in die Augen schauen dürfen und meine damit keine Promis. Aber ich werde wie gesagt im November 60 und es ist wichtig, in den nächsten fünf Jahren den Absprung zum Theater zu erwischen – obwohl ich den Opernball moderieren würde, bis ich 80 bin. Horst Friedrich Mayer war 75, also 15 Jahre haben wir noch. Es gibt auch genug Fernsehsendungen, wo ein Mann älter sein darf, was ja unfair ist. Frauen werden meistens mit 50 ausgetauscht.

Nicole Kidman wird auch 50 und war mit vier Filmen in Cannes jetzt der Star.

Die schaut ja auch aus wie 25. Die Amerikaner kennen das Wort Botox gar nicht, sie leben damit. Komischerweise schieben mich meine Kameraleute auch immer in eine bestimmte Richtung. Jeder Mensch hat ja eine feminine und eine maskuline Seite.

Darf ich fragen, ob Alfons natur pur ist?

Es ist alles natur. Das einzig Unechte an mir ist ein falscher Zahn.

Ihr Jungbrunnen?

Ich esse nur zweimal am Tag und schau, dass ich mindestens dreimal pro Woche schwitze und den Puls eine halbe Stunde auf 120 kriege. Das hilft. Ich gehe auch viel und versuche positiv zu sein und positiv zu denken. Jeder hat seine Probleme mit Familie, Karriere oder Gesundheit. Aber wenn man alles zusammenzählt, gibt es viele, denen es viel dreckiger geht.

Es heißt oft, dass man im Alter das Gesicht bekommt, das man verdient.

Der Schauspieler Hans Holt hat mir nach meinem Outing bei meinem 40er gesagt: „Es war ein Fehler, dass du das gemacht hast, aber auch schön. Jetzt musst du aufpassen, weil mit 50 kommt die Seele eines Menschen ins Gesicht.“ Da habe ich offenbar Glück gehabt. Ich kenne viele Kollegen, die nicht so offen leben und anders ausschauen.

Liegt das bei Ihnen auch an den Genen?

Mein Vater war immer ein zufriedener Mensch und meine Mutter ist auch zufrieden, obwohl sie Gründe hätte, es nicht mehr zu sein, weil sie schon krank und alt ist. Sie hat noch immer ihr Lächeln, kann aber auch grantig sein. Das kann ich aber auch.

Der Ring an Ihrer linken Hand sieht nach Ehering aus. Was hat es damit auf sich?

Das ist das Einzige, was ich von meinem Vater habe. Ich trage den Ring seit er verstorben ist, also seit ich 17 war. Ich habe mir den Ring sogar einmal in einen Krone einbauen lassen, als ich im Musical „The King and I“ gespielt habe und ihn nicht tragen konnte. Der Ring ist immer bei mir.

Zuvor haben Sie in Zusammenhang mit Ihrem Outing erwähnt, dass man Menschen ihre Offenheit ansieht. Warum ist es Ihnen so wichtig, die Identität Ihres Freundes geheimzuhalten?

Ich habe 30 Jahre lang versucht, in dieser Hinsicht mit offenen Karten zu spielen, aber es hat nie funktioniert, weil die Öffentlichkeit nicht mitspielt. Ich glaube, dass man ein Recht auf acht Stunden Privatsphäre hat und das niemanden was angeht. Das wissen 20 Leute, wer das ist und fertig.

Dann ist es wieder ein Versteckspiel, und ein Leben als Schattenmann ist wahrscheinlich auch nicht leicht.

Überhaupt nicht, es gibt auch Menschen, die gar nix mit einem Promileben zu tun haben wollen. Dem geht es so viel besser. Wenn ich im Theater neben einem Mann sitze, sage ich immer: „Darf ich mich vorstellen? Sie sind mein Neuer.“ Jeder, der neben mir sitzt, ist mein Freund, bis auf ein paar Ausnahmen. Bei Alexander Wrabetz wird man nicht vermuten, dass er mein Lover ist, bei Gabalier und dem Hupfer (Anm.: gemeint ist Felix Baumgartner) auch nicht.

Herr Haider, wie würden Sie Ihren 60er am liebsten feiern?

Das hängt vom Fernsehen ab oder ob ich eine Benefizgeschichte mache. Ich feiere heuer ja nicht nur 60 Jahre Haider, sondern auch 40 Jahre Fernsehen.

Hape Kerkeling wurde zu seinem 50er im ZDF mit einer Gala geehrt. Das wäre doch was.

Das ist ein schönes Schlusswort: Das wäre wirklich nett!

Alfons Haider, 59, wurde am 24. November 1957 in Wien geboren und studierte Schauspiel in Wien und Los Angeles. Seine Karriere startete er am Theater und war in der Josefstadt und am Volkstheater zu sehen. Er spielte auch in zahlreichen Fernsehserien wie „Die liebe Familie“ und „Kaisermühlen-Blues“. Beim ORF startete Haider 1989 und ist bis heute als Moderator großer TV-Ereignisse wie Opernball und Life Ball aktiv. 1997 outete er sich, homosexuell zu sein und brachte damit sein Image als Lieblings-Schwiegersohn der Nation ins Wanken. Haider hat seit zwei Jahren einen Freund, dessen Identität er geheimhält.

Alfons Haider ist von 14. 7. bis 2. 9. im Musical „ Santa Maria“, mit den größten Hits von Roland Kaiser in Wien zu sehen. Wer es nicht so lange aushält: Alfons Haider am Red Carpet des Life Balls, heute Samstag, ab 21:30 auf ORF 1.

www.haider.at

www.santamaria-musical.at