Kultur
30.05.2018

Albertina: Eine Frau mit Ecken und Kanten

Das Museum will das Werk von Florentina Pakosta als Teil des feministischen Kanons etablieren

Der Kunstbetrieb sieht sich gern an der Front gesellschaftlichen Wandels; bis sich seine Institutionen bewegen, vergeht aber viel Zeit. Dass der Zug gegen eine tief sitzende Benachteiligung von Frauen auch hierzulande rollt, lässt sich 2018 aber nicht leugnen: Viele Museen haben Direktorinnen, die Biennale-Kommissärin Felicitas Thun-Hohenstein wählte zuletzt unter Beifall der (männlich dominierten) Kulturpolitik eine Vertreterin der „feministischen Avantgarde“, Renate Bertlmann, für Venedig 2019 aus.

Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder steht diesbezüglich unter Zugzwang: Seine Ausführungen, wonach erst die vorliegende Retrospektive (bis 26.8.) die „wahre“, nämlich feministische Wahrnehmung der Künstlerin Florentina Pakosta etablieren würde, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Institution nolens volens lange für jene Männergesellschaft stand, gegen die Pakosta – sie wird heuer 85 – anrannte.

Gegen die Wand

Es ist heute schwer vorstellbar, dass der Künstlerin 1964 aufgrund ihres Geschlechts die Aufnahme in die Vereinigungen Künstlerhaus und Secession verwehrt wurde. Später saß Pakosta im Vorstand der Secession, ihre Zeichnungen, Drucke und Gemälde wurden aber primär wegen ihrer handwerklichen Perfektion geschätzt.

Freilich bestechen die Bilder von Köpfen, die nun Besucherinnen und Besucher in der Albertina empfangen, mit ihrer Modellierung aus exakten Schraffuren. Sie verhandeln auch nicht die Zwänge von Mutterschaft und Ehe, wie es Werke von Bertlmann & Co. tun. Doch irritiert die geschlechtliche Uneindeutigkeit der Gesichter, und Bilder wie „Ich bin doch wer“ (1976) zeugen vom Drang zur Selbstermächtigung.

Bald wird die Auseinandersetzung mit männlicher Dominanz als zentrales Thema offensichtlich: Männerköpfe wachsen in Schnäbel, Messer oder Sägen aus, erhalten einen Klodeckel aufgesetzt oder formieren sich scheinbar endlos vervielfacht zur „Männergesellschaft“.

Die Schau gibt einen Überblick über ein erstaunlich umfassendes Werk, das nie recht an herrschende Diskurse andocken konnte. Bei aller Legitimität des Bemühens, Pakosta nun auf den Feminismus-Zug zu setzen, spricht aber auch einiges gegen eine allzu eng geführte Deutung ihres Werks.

So sind etwa schon die exakten Schraffuren, die lange Pakostas Markenzeichen waren, ein interessantes Paradoxon: Ohne jeden individuellen Ausdruck im Strich brachte die Künstlerin Grimassen und Gesten zu Papier, Motive also, denen ein Maximum an Ausdruck innewohnt – allein dies ließe sich als gewitzte Umdeutung einer männlich codierten Strenge lesen.

Feminismus als Korsett

Sehr gewollt erscheint daneben die Interpretation, dass sich in den vordergründig abstrakten „trikoloren Bildern“, die Pakosta ab 1989 schuf, „Strukturen männlich und aggressiv dominierter, undurchdringlicher Netzwerke“ offenbaren (Wandtext).

In der Abfolge der Schau leiten sich die abstrakten Werke aber aus einer Serie von Bildern gehäufter Gegenstände her, die irgendwann in einem Trümmerhaufen mit dem Titel „Zusammenbruch der Ostblockstaaten“ (1989) kulminierte. Auch Pakostas Erfahrungen im zerbombten Nachkriegs-Wien, liest man, seien ein Einfluss gewesen.

Nicht alles ist also Männerdominanz: Kunst hat die Fähigkeit, vielfältige Ideen in Bilder zu übersetzen. Sie hat dafür auch eine ganzheitliche Betrachtung verdient.