Kultur
30.11.2018

Akademietheater: Im Würgegriff der Grollfeuer

Ein Missverständnis: die langatmige Inszenierung von Werner Schwabs „Volksvernichtung“

Der Nestroy-Posse „Zu ebener Erde und erster Stock“ fügte Werner Schwab in seiner „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ mit dem Souterrain ein weiteres Geschoss hinzu. Dort haust eine bigotte Pensionistin namens Wurm, der Erna aus den „Präsidentinnen“ nicht unähnlich, mit ihrem verkrüppelten Sohn Herrmann.

Der Grazer dürfte in dieser Radikalkomödie, mit dem 1991 sein kometenartiger Aufstieg begann, viele Anleihen bei seinen einstigen Lebensumständen genommen haben. Denn Herrmann, rothaarig wie er selbst, träumt malend und trinkend davon, mit seiner Großkunst „Grazkunst“ berühmt zu werden.

Hausgemeinschaft

Quasi als Ergänzung zum Fäkaliendrama „Die Präsidentinnen“, das vor gut drei Jahren im Akademietheater herausgekommen war, hatte am Donnerstag ebendort die „Volksvernichtung“ Premiere – in der Deutung des Grazer Regisseurs und Puppenspielers Nikolaus Habjan. Als beinahe Nachgeborener konnte er sich dem Stück unbeeinflusst nähern. Und er fand auch eine eigenständige Deutung. Aber sie ist leider ein grobes Missverständnis.

Schwab steigt mit jedem Akt einen Stock höher: Über den proletarischen Wurms lebt die geschmacklose Angestelltenfamilie Kovacic – und in der Beletage herrscht die großbürgerliche Grollfeuer, die ihrem Ekel über den Abschaum nicht nur in langen Monologen Ausdruck verleiht: Im dritten Akt lädt sie die verhasste Hausgemeinschaft ein, um sie zu vergiften und zu vernichten.

Es handelt sich dabei aber nur um eine „Ausdenkung“, wie es Peter Turrini nennen würde, also um ein genussvoll zelebriertes Gedankenspiel. Denn im äußerst kurzen vierten Akt hebt Schwab die radikale Lösung komplett auf – und ersetzt sie durch die wahrscheinliche Variante: Devot wünscht man der Grollfeuer alles Gute zum Geburtstag.

Bei Habjan hingegen ist das Finale die Fortsetzung des dritten Aktes. Er interpretiert das gesamte Stück als Imagination. Denn zusammen mit Bühnenbildner Jakob Brossmann trennt er die Sphäre der monströsen Herrenmenschen-Frau vom übrigen Personal: Die Familien Wurm und Kovacic „leben“ als Puppen in einem transparenten Sauerstoffzelt.

Großartig modelliert

Seitlich neben dieser Gedankenblase führen Treppen aus Edelholz hinauf zum Ohrensessel der Frau Grollfeuer. Barbara Petritsch, in den „Präsidenten“ die Grete, hat zunächst nur zu thronen. Wenn es dann an der Zeit ist, schreitet sie, einer Marlene Dietrich gleich, mit dem Spazierstock die Treppe hinab: Mit einem Blick der Menschenverachtung demonstriert sie, dass sich die Figuren in ihrem Würgegriff befinden. Es schleudert die Puppen geradezu an die Plane.

Konfettibömbchen

Diese Trennung der sozialen Schichten hat mehrere gravierende Nachteile. Erstens sieht man die großartig modellierten Puppen durch die Plane meist nur verzerrt. Zudem gibt es (abgesehen vom unlogischen Schluss) kein direktes Zusammentreffen.

Habjan erzeugt zwar ein schönes Bild, wenn Grollfeuer und Herrmann, das von ihr bemitleidete Würmchen, sich mit ihren Handflächen zu berühren versuchen. Aber er verschenkt die Möglichkeit, dass Grollfeuer mit dem Messer auf den „Familienvaterkörper“ des Herr Kovacic hineinsticht. Beim ihm spritzen daher keine Blutfontänen, es platzt bloß ein herziges Konfettibömbchen.

Habjan redimensioniert das ungeheuer gewalttätige Stück zum harmlosen Kasperltheater, in dem das Krokodil andauernd eine aufs Maul kriegt: Die Figuren, von Cedric Mpaka niedlich eingekleidet, dreschen mit dem Kruzifix oder der Bierflasche auf die anderen ein – ohne Auswirkungen.

Wunderbare Bissgurn

Dorothee Hartinger führt die Frau-Wurm-Puppe mit dem riesigen Klappmaul wunderbar als Bissgurrn, Habjan zeichnet den Herrmann als Riesenbaby und geschundene Kreatur, die sich nicht anders als mit kindlicher Bösartigkeit zu helfen weiß. Die Familie Kovacic hingegen ist sonderbar desperat: Sarah Viktoria Frick macht aus dem ekelhaften Vater, der nicht nur den Hamster der Tochter zertrampelt, einen Mundl mit Wiener Dialekt nach Amstettner Vorbild; die schrille Ehefrau von Alexandra Henkel passt so gar nicht dazu.

Brossmann beläßt das Stück einrichtungstechnisch (aufgrund Grollfeuers NS-Vergangenheit) in den 70er-Jahren. Und Habjan zeigt zu viel Respekt vor Schwabs Text. Der dritte Akt – beinahe ein Solo von Petritsch – ist enorm ermüdend. Schade.