Willem Dafoe spielt in „Tommaso“  das Alter Ego von  Regisseur Abel Ferrara; mit Cristina Chiriac (re.), der Mutter von Abel Ferraras Tochter, und  Anna Ferrara

© Pandafilm

Kino
06/20/2020

Abel Ferrara: „Geniere mich fast, Amerikaner zu sein“

Der US-Regisseur Abel Ferrara über seinen Film „Tommaso“, politisch korrekte Kunst, Trump und die New Yorker Mietpreise

Abel Ferrara fing wie kein zweiter Filmemacher die fiebrige Energie der New Yorker Straßenschluchten ein – wie in „King of New York“ oder in „Bad Lieutenant“. Mit diesen Filmen hatte er Anfang der 1990er Jahre den Boom des US-Independent-Kinos mitgetragen. Doch schon „New Rose Hotel“ (1999), der erste von vier Filmen mit Willem Dafoe, war in den USA kaum zu finanzieren. 2003 verließ Ferrara New York und zog nach Rom. Der Katholik konvertierte zum Buddhismus und lebt bis heute gut und vor allem gerne in der „Ewigen Stadt“, gemeinsam mit Frau und Tochter und in gutnachbarlichem Einvernehmen mit Willem Dafoe, der – nur wenige Minuten von Ferrara entfernt – ebenfalls in Rom lebt.

In „Tommaso“ spielt Dafoe quasi seinen Freund Abel Ferrara: Einen einst von Drogen- und Alkoholmissbrauch gezeichneten Regisseur, der – weil unerwartet Vater geworden – versucht, einen neuen Zugang zur (Film-)Kunst zu finden (ab Freitag im Gartenbaukino).

KURIER: Sie zeigen in „Tommaso“ schöne nackte Frauen, darunter Ihre eigene …

Abel Ferrara: …nicht meine Frau, sondern die Mutter meiner Kinder. Wir sind nicht verheiratet…

Ist das ein „Stilmittel“, das im #MeToo-Zeitalter überhaupt noch möglich ist?

Dazu möchte ich erst einmal festhalten, dass ich nicht nur schöne Frauen nackt zeige, sondern auch – wie man so sagen könnte – „normal“ gebaute. Es kommt immer auf die Aussage der Situation an, wie und in welchem Kostüm sie gespielt werden muss. Wie sonst sollte man Menschen zeigen, die Sex miteinander haben? Wie glaubwürdig wäre das, wenn sie Kleider anhaben? Deshalb sind nicht nur die Frauen bisweilen nackt, sondern auch Willem Dafoe. Schauspieler sind immer nackt – vor allem wenn sie Emotionen zeigen. Ich kann beim Regieführen keine „politisch korrekten“ Einschränkungen zulassen. Außerdem zeigt sich immer mehr, dass die Worte „politisch“ und „korrekt“ gar nicht zusammenpassen. Oder kennen Sie irgendeinen Politiker, der korrekt handelt?

Willem Dafoe spielt einen Regisseur, der ein neues Lebenskonzept für sich als Mensch, Vater und Künstler sucht. Sie haben beide „Tommaso“ als ein sehr persönliches Porträt bezeichnet. Steckt da mehr Dafoe oder mehr Ferrara drinnen?

Natürlich steckt in dieser Figur auch einiges von Willem Dafoe drinnen. Wie etwa in den Szenen, in denen er Schauspielunterricht gibt. Ich würde das nie so machen wie er. Er nähert sich der darstellenden Kunst mit den Mitteln des Ausdruckstanzes, während ich ganz pragmatisch erkläre, wie Schauspieler vor der Kamera zu einer gefühlsstarken Mimik und einen natürlichen Tonfall finden können. Wir haben während der Dreharbeiten an zwei Filmen gleichzeitig gearbeitet. „Tommaso“ ist eher ein Selbstporträt, in dem ich zeige, wie ich an der Seite einer neuen Frau, als Vater einer Tochter und durch die buddhistischen Lehren von Drogen und Alkohol wegkomme.

Seit wann sind Sie Buddhist?

Vor etwa zwölf Jahren habe ich einen Film in Jerusalem gedreht – über die Jungfrau Maria. Während dieser Zeit habe ich viel über meine katholische Erziehung nachgedacht und mich mehr und mehr dem Buddhismus zugewandt. In dieser Zeit habe ich aber immer noch zu viele Drogen und zuviel Alkohol zu mir genommen. Zum „richtigen“ Buddhisten wurde ich dann vor sieben Jahren – als ich merkte, dass man unter Alkohol- und Drogeneinfluss nicht meditieren kann.

Sie leben in Rom, einer Stadt, die durch den Vatikan geprägt ist. Wie zu Hause fühlen Sie sich in dieser Stadt?

Meine Heimat ist immer noch Manhattan. Aber es ist, wie es ist. In einem Land, in dem Trump Präsident werden konnte, kann ich sowieso nicht leben. Ich geniere mich fast, ein Amerikaner zu sein. . Die Welt wird von der Wall Street regiert – einem Platz, in dem jeder verdammte Broker die Existenzen von Millionen von Menschen ruinieren kann. Als ich in den 1970er Jahren in New York lebte, konnte ich mir eine Wohnung leisten. Heute geht das nicht mehr. Für das Geld, das ich für meine Wohnung in Rom zahle, bekäme ich in Manhattan nicht einmal eine Besenkammer. Basquiat hatte keine Miete bezahlt, auch Keith Haring nicht. Das bedeutet, dass Künstler aus New York – und wahrscheinlich bald aus ganz Amerika – verdrängt werden, weil sie sich das Leben dort nicht mehr leisten können. Nur mehr Kunsthandwerker, die den Mächtigen in den Arsch kriechen, werden in Zukunft dort leben können.

Text: Gabriele Flossmann

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.