Kinder betrachten Kunst (im Bild im Liechtenstein Museum): Dabei geht es weniger um ehrfürchtiges Schauen als um einen eigenen Blick

© Ludwig Schedl/Liechtenstein Museum

Ausstellungen
08/31/2014

Ab wann ist es sinnvoll, mit Kindern Kunst anzusehen?

Eine Runde lärmender Dreikäsehochs im Museum wird immer noch oft als Störung empfunden.

von Michael Huber

Wir haben es wieder einmal probiert. Es war zwar nicht so, dass der viereinhalbjährige Sohn explizit danach verlangt hätte – aber Eltern haben schließlich auch Wünsche, und die Retrospektive von Martha Jungwirth in der Kunsthalle Krems (noch bis 2.11.) wollte ich nicht verpassen.

Dass der Nachwuchs dann tatsächlich fasziniert vor den Werken stehen und eine schwarz-weiße Zeichnung eines abstrahierten Geschirrspülers als "das schönste Bild der Welt" bezeichnen würde, konnte ich nicht ahnen. Die Idee, meinen Nachwuchs frühzeitig zum kleinen Bildungsbürger heranzuziehen, liegt mir ebenfalls fern. Ich schaue einfach gern Kunst an und rede darüber – warum sollte ich das nicht auch mit Kindern tun?

Kontroverse

Der britische Künstler Jake Chapman hatte unlängst wegen dieses Themas für Rummel gesorgt: Kleinen Kindern Kunst zu zeigen, meinte er im Independent, sei "völlige Zeitverschwendung" und würde den Künstlern, die ja viel Überlegung und Arbeit in ihre Werke legen, nicht gerecht. Protest von Kunstvermittlern folgte umgehend.

Schauen und reden

"Ein Bild als Gegenüber zu entdecken, als etwas, das einen herausfordert zu antworten, ist hundertprozentig möglich – auch in der abstrakten Kunst", sagt Barbara Putz-Plecko, Leiterin der Abteilung für Kunst und Kommunikative Praxis an der Wiener Angewandten. Im Idealfall würden Kinder "über die Museumsbesuche auch ihrer eigenen Ausdruckslust gewahr", sagt sie. Das Ziel sei dabei nicht, "andächtig schauen zu lernen – sondern frech und lustvoll schauen zu lernen."

Mit der Frechheit ist das allerdings so eine Sache. Bei unserem letzten Familien-Besuch in Krems vor einem Jahr hatten wir alle Mühe, den damals Dreieinhalbjährigen vom Berühren der Bilder abzuhalten, entspanntes Schauen war unmöglich.

Ein Elefant!

Ruhige Kontemplation ist es auch diesmal nicht, doch der Sohn läuft neugierig von einer Werkgruppe zur nächsten, schaut, deutet die Bilder. "Ein Elefant!" sagt er bei einem Werk. Dass der Bildtitel auf eine Brücke verweist – ist das wirklich wichtig?

"Ich plädiere dafür, dass man Kindern diese Freiheit gibt und nicht meint, man müsste ihnen erklären, was dahintersteht", sagt Andreas Hoffer, Kunstvermittler und Kurator im dezidiert kinderfreundlichen Essl-Museum in Klosterneuburg.

Gerade bei gebildeteren Eltern bestehe oft die Erwartung, dass die Kinder aus der Kunstbetrachtung etwas "lernen" müssten, erzählt Hoffer. In seinen Führungen wird Hintergrundwissen aber extrem knapp dosiert. "Wir sind immer wieder erstaunt, wie Kinder durch Kunstwerke angeregt werden und wie viele eigene Ideen sie haben", sagt Hoffer.

Das bedeutet nicht, dass ein Kunstwerk für alle Bedeutungen gleich offen ist. Doch gerade bei zeitgenössischer Kunst sind Mehrdeutigkeiten bewusst angelegt. "Die kommen zutage, wenn fünf Leute vor einem Bild stehen und unterschiedliche Meinungen haben", sagt Putz-Plecko. "Es ist ein wertvoller Prozess, zu erlernen, wie unterschiedlich wir sehen."

In der Gruppe

Kinderführungen seien da auch für Eltern aufschlussreich, sagt die Expertin. Die Angebote haben sich vervielfacht – wobei die Betrachtung von originalen Kunstwerken häufig zu kurz komme, wie Putz-Plecko findet. Eine Runde lärmender Dreikäsehochs im Museum wird eben immer noch oft als Störung empfunden: "Es muss auch von den Museen atmosphärisch etwas getan werden." Wobei auch bei Eltern das Gefühl, sich vor Kunst andächtig verhalten zu müssen, tief sitzt. Meine Familie und ich, wir werden es trotzdem wieder probieren.

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