Kultur
05.12.2017

1918: Wien in Agonie

Alltagsbeobachtungen in der Kaiserstadt am Ende des Weltkriegs, aufgeschrieben vom Historiker Edgard Haider

Seit Edgard Haider nicht mehr Nachrichtenredakteur im Radio Ö1 ist, ist er ganz Historiker. Zuerst erschienen im Böhlau Verlag die Alltagsbeobachtungen "Wien 1914" – das Leben in der "Märchenstadt" am Abgrund: In den Mietskasernen starb jedes dritte Kind – aber die Reichen mussten maximal fünf Prozent Einkommenssteuer zahlen.

Dieses Buch hatte Bestseller-Qualitäten (so schrieb der KURIER 2013).

Jetzt " Wien 1918": Der Krieg geht langsam zu Ende, Wien liegt in Agonie, sogar die Mehlrationen müssen gekürzt werden ... aber unter den Hofstaatsbediensteten herrscht Sorge, denn:

Kreide vom Feind

Die Leibgardisten des Kaisers tragen weiße Umhangmäntel zum dunkelgrünen Waffenrock und der Hose aus Hirschleder; und wenn der Mantel Flecken hat, muss er stundenlang mit englischer Patent-Putzkreide gewalkt werden. Es ist keine Kreide mehr da, man kann das Feindesland nicht darum bitten. Schließlich erlaubt der Kaiser graue oder die alten braunen Mäntel der Kavallerie.

Edgard Haiders "1918" ist prallvoll mit Schrecken. Seine Chronik ist Nahrung und Gesprächsstoff für viele Abende. Was Haider bei seinen Recherchen selbst am meisten überraschte?

1.) "Die bösartige Gerüchtewelle über das Kaiserpaar war nicht zu stoppen. Es gibt sogar heute noch ältere Herrschaften, die felsenfest überzeugt sind, dass Kaiserin Zita eine Verräterin und Kaiser Karl ein Trinker war."

2.) "Die Auswirkungen der Hungerkatastrophe auf die Wiener Kinder: Nur durch Zufall bin ich auf erschütternde Fotos von Mitgliedern der Schweizer Kinderhilfsaktion gestoßen. Ich habe derartiges nicht vermutet und auch noch in keinem anderen Wien-Buch gesehen ..."

Nicht einmal zehn Prozent der Kinder waren als gut ernährt einzustufen. Buben hatten um 41 Prozent weniger Gewicht, als altersgemäß wäre, Mädchen um 32 %.

... und im (heutigen) Akademietheater wurde das Singspiel "Die selige Kindheit" aufgeführt. Die auserlesenen Kinder, die mitspielen durften, hießen: Liechtenstein, Colloredo, Thun-Hohenstein, Coudenhove-Kalergi.

Edgard Haider:Wien 1918“
Mit mehr als 100 historischen Abbildungen.
Böhlau Verlag.
418 Seiten.
29,99 Euro.