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Kultur
10/01/2020

100 Jahre Frauen-Kunststudium: Fehlt ihr der schöpferische Geist?

Seit 100 Jahren dürfen Frauen Kunst studieren. Mit welchen Argumenten das jahrzehntelang verhindert wurde.

von Susanne Mauthner-Weber

1872 machten sich die Professoren der Akademie der bildenden Künste Wien Sorgen. Die jungen Studenten seien so unreif und würden die Frauen möglicherweise belästigen, hieß es in einem Gutachten. „Das Unterrichtsministerium wollte damals von den Kunst-Professoren wissen, was sie davon hielten, Frauen zum Studium an der Akademie zuzulassen“, erzählt Eva Schober. Natürlich lehnte man ab.

Der Hintergrund: Damals hatte eine grundsätzliche Diskussion zum Frauenstudium eingesetzt. In Sachen Kunststudium sollte es bis 1920 dauern. Schober, die Archivarin der Akademie, hat jetzt Verwaltungsakten sowie Studentenlisten im Lichte des runden Jahrestags studiert, kennt Namen und familiären Hintergrund all jener Frauen, die es 48 Jahre (sic!) nach dem ersten Vorstoß endlich doch an die Akademie der bildenden Künste geschafft hatten.

Im Interview mit dem KURIER erzählt sie von den Argumenten der honorigen Professoren, die heutzutage bestenfalls skurril wirken. Im Gutachten vom 17. April 1872 etwa ist nachzulesen: Andererseits verkennt die Akademie keinesweges die Berechtigung des weiblichen Geschlechtes sich der Kunst zuzuwenden. In der Landschaft, Blumen und Portraitmalerei hat schon manches Fräulein nicht unbedeutendes geleistet. „Damals war man der Meinung, Frauen wären eher für niedriger Kunstfächer geeignet. Im Gegensatz dazu war die religiöse und Historien-Malerei den Männern vorbehalten“, erklärt Schober.

Sittenwächter

Außerdem können doch Fräuleins unmöglich in Gesellschaft von jungen Männern ihren Studien gewissenhaft nachkommen ohne die Ruhe und Ordnung des Institutes zu schädigen. Über allem schwebte also der sittliche Aspekt: Fortwährend würden die Wände im Stiegenhaus mit unsittlichen Zeichnungen besudelt. Trotz aller Strenge und Wachsamkeit, konnte diesem Auswüchse jugendlicher Verirrung nicht vorgebeugt werden, welcher Unfug würde aber erst entstehen, wenn junge Mädchen in unmittelbaren Verkehr mit jungen Männern kämen. Außerdem müsse doch jedem Unbefangenen einleuchten, daß Fremden in Gesellschaft von Männern das Zeichnen, Malen und Modeliren nach dem nakten menschlichen lebenden Modelle nicht gestattet werden kann. Im Klartext: Aktstudium! Frauen und Männer zeichnen gleichzeitig nackte Körper, wo käme man da hin.

Zeitgeist

In einer Passage des Gutachtens wird den Frauen dann sogar das mangelndes Bildungsniveau zum Vorwurf gemacht. Schober: „Den einen großen Frauenverhinderer gab es nicht. Es war das ganze Kollegium“. Der Zeitgeist eben. „Das Professorenkollegium plädierte für eine eigene Frauenkunstschule, die 1897 auch tatsächlich umgesetzt wurde, weil der Bedarf einfach da war“, ergänzt Schober.

14 Frauen studierten  1920/’21 an der Akademie der bildenden Künste. Dem gegenüber standen 250 Männer.

1013 Frauen werden heute ausgebildet. Die Zahl der männlichen Studierenden liegt bei 509.

Heute verdienen weibliche Professoren 2 Prozent mehr als ihre männlichen Kollegen.

1904 gab es den nächsten Vorstoß, das nächste Gutachten: „Da wurde dann nicht mehr über sittliche Gründe gesprochen, sondern über ,das Fehlen des schöpferischen Geistes‘ und ,das Zurückdrängen des männlichen Elements‘, die Folge wäre das Überhandnehmen des Dilettantismus‘“, zitiert die Archivarin.

Die Anfrage damals kam übriges wieder vom Ministerium, weil Prag und Krakau ernsthaft über das Frauenstudium nachdachten. Frauenvereine machten nämlich nicht nur in Sachen Frauenwahlrecht Druck, sondern auch bei Bildung und Studium.

Frauenfeindlich

„Nachdem es 1904 dieses sehr negative, regelrecht frauenfeindliche Gutachten gegeben hatte, wurden die Abstände zwischen den Anfragen immer kürzer – 1907, 1911, 1913“, sagt Schober. „Politischer Druck baute sich auf.“ Doch die Professoren redeten sich auf ihr Gutachten von 1904 hinaus. Außerdem betonte man erst, dass „die Kunstgeschichte keine weiblichen Künstlerinnen herausragenden Niveaus kennt“, um es dann wieder aus dem Protokoll zu streichen.

Dann kam der Krieg, man hatte andere Sorgen. Erst in der Ersten Republik, 1920, postulierte das Ministerium: Wir wollen, dass Frauen an der Akademie studieren, schaut, dass das zustande kommt. Jetzt endlich war der Zeitgeist aufseiten der Frauen. Schober: „Es gab das Frauenwahlrecht, warum sollten Frauen also nicht gleichberechtigt an der Akademie studieren?“

Alles super!

Die Frauen, die dann an der Akademie begannen, hatten alle höheres Bildungsniveau und die nötigen Mittel. In den Studierendenlisten wurde vermerkt, dass der Vater für das Studium aufkomme.

„1927 fragte dann eine Frauenzeitschrift nach, wie die Erfahrungen sind, weil Frauen jetzt gemeinsam mit Männern studieren“, erzählt Archivarin Schober. Und siehe da: „Plötzlich wird das alles ganz positiv gesehen. Wenn die Frauen dieselbe Vorbildung haben, zeigen sie genauso viel Fleiß und Ernst. Werden sie gemeinsam unterrichtet, hat sich sogar der Umgangston zum Besseren verändert.“ Und überhaupt: Frauen seien ähnlich erfolgreich und hätten akademische Preise erhalten.

War da was?

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