Tagebücher von 1918 bis 1959: Victor Klemperer (1960), Privatgelehrter, Uniprofessor, Publizist

© Bundesarchiv / Höhe - Pohl

100 Jahre alte Neuigkeiten
07/18/2015

100 Jahre alte Neuigkeiten

Im Kemperer-Nachlass wurden Berichte aus 1918/1919 entdeckt. Das Studium ist allerdings schwieriger als in seinen anderen Chroniken.

von Peter Pisa

Ein Friseur kauft den heimgekehrten Soldaten, die auf eigene Faust abrüsten, ihre Gewehre ab.

Und verkauft sie bequem ums Doppelte weiter: Denn schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg ist die Lust auf Gewalt wieder groß.

Wird ein Pazifist erschossen, feiern Studenten (und Professoren) den Täter als Helden. Sofort formieren sich die Gegner der ersten deutschen Republik. Die Diktatur ist nicht weit weg.

Victor Klemperer, DER Augenzeuge des 20. Jahrhunderts, prophezeite schon 1919: willkürliche Verhaftungen, Verhetzungen, Hausdurchsuchungen inkl. Plünderungen

München, wo er eine Wohnung suchte, war tragikomischer Ort und wurde dann zur Brutstätte des Nationalsozialismus.

Kein Vergleich

Bilder wie jenes vom Friseur, in einem einzigen Satz skizziert, gibt es wenige in "Man möchte immer weinen und lachen in einem".

Das muss man betonen, um nicht Erwartungen zu enttäuschen. Solche kleinen Alltagsbeobachtungen wird man kaum finden.

Victor Klemperers bisher unbekannte Aufzeichnungen aus der Zeit der Münchner Räterepublik 1918/1919 sind analytischer, kämpferischer, wenig spontan, schwieriger zu studieren.

Sie sind nicht vergleichbar mit seinen 5000 Seiten "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten" – jener berühmten Kulturgeschichte der Katastrophe 1933 bis 1945: Im Alltag der Judenverfolgung war auch Platz für einen Witz und für Menschlichkeit.

Wichtig war das zum Luftholen, sogar beim Lesen muss man das.

Die Tagebücher sind auch Akt des Widerstands (und sie sind Literatur), unmittelbar aufgeschrieben in der Angst, von der Gestapo erwischt zu werden.

"Man möchte immer weinen …" ist Victor Klemperers Anfang als Chronist.

Zu einem Teil besteht das Buch aus seinen Berichten, die er unter dem Pseudonym Antibavaricus für die Leipziger Neuesten Nachrichten verfasst hat.

Zum anderen Teil aus einem erstmals veröffentlichten Manuskript aus dem Jahr 1942, in dem sich der(arbeitslos gewordene) Literaturprofessor jüdischer Herkunft an die Wirren des 24 Jahre zurückliegenden Revolutionsjahres erinnert hat.

Wohldurchdachte, mitunter geschliffene Texte also. Die 194 Anmerkungen sowie der Essay des Historikers Wolfram Wette sind bitter notwendiger Zusatz – zumal für österreichische Leser, die bei 1918 eher an Staatskanzler Renner und bei 1919 an Kaiser Karl, der des Landes verwiesen wird, denken.

Aber wer war Kurt Eisner? Max Levien? Landauer, Harms, Epp? Von Klemperer lässt man sich alles erzählen. (Aber vielleicht greift man zuerst zu "Der Krieg in Österreich 1945" von Manfried Rauchensteiner, eben neu aufgelegt bei Amalthea).

KURIER-Wertung:

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