„Werden wir jetzt Weltmeister?“: Aida Loos über unbekanntes Terrain
Oh, Herr Arnautović! I werd’ narrisch! Sie stehen so im Abseits. Setzen Sie sich doch! Keine Angst, bei mir können Sie sich einfach fallen lassen. Also gut, 3:1 gegen Jordanien, und ich sehe es ganz genau. Ihre geweiteten Pupillen, die feuchte Oberlippe der Euphorie, der aufkeimende Selbstwert. Alles Symptome einer in Österreich unbekannten Erkrankung, gegen die wir keine Antikörper besitzen, weil wir ihr nie ausgesetzt waren. Sie sind sozusagen der Patient Null der Zuversicht. Legen Sie sich hin. Wir haben viel Arbeit vor uns.
Wissen Sie eigentlich, was der Sieg einem Volk bedeuten würde, das das Glück nur im Konjunktiv erträgt? Stellen Sie sich die Verwüstung vor. Die Gefühle, die das enthemmen würde. Mein Gott. Zunächst die Erbschuld der Bescheidenheit, also jenes Korsett, in das uns die Geschichte über Jahrhunderte geschnürt hat, bis wir das Atmen gegen das Jammern eingetauscht haben. Wollen Sie es wirklich aufreißen und uns somit das schwerste aller Schicksale aufzwingen?
Ein Happy End?
Was das auslöste! Stellen Sie sich das einmal bildlich vor: Wildfremde Menschen umarmen sich, und keiner weiß, wie das geht. Ein Volk, das jahrelang seine Gefühle eingekocht hat wie Marillen für schlechte Zeiten, reißt mit einem Mal alle Gläser auf und ertrinkt im eigenen Eingemachten.
Wir würden dastehen, der Welt überlegen, und müssten Freude empfinden, womöglich mit einer Träne. Öffentlich. Ungebremste, ungenierte, unverhandelbare Freude. Mit diesem G’sicht. Es würde nach einem Muskel tasten, den es nie besessen hat, und nicht finden. Denn an der Stelle, wo bei anderen Völkern der Jubelmuskel sitzt, prall und gut durchblutet, findet sich bei uns nur ein Fädchen. Ein Fussel. Ein Restl Sehne, funktionslos wie der Wurmfortsatz.
Wir haben das Narrischwerden erfunden, weil wir das Frohsein nie gelernt haben. Man müsste uns das Jubeln vor dem Finale beibringen wie einem Hund das Stillsitzen, nur umgekehrt. Es wäre sonst ein Jauchzer, der mitten im Aufstieg den Glauben an sich selbst verliert und beschämt ins Hüsteln kippt. Es wäre der ergreifendste Anblick der Geschichte, und die ganze Welt sähe zu: ein Volk, das versucht, sich zu freuen, und dabei wirkt, als ringe es um Luft. Nein, diese Blamage haben wir nicht verdient. Den Sieg sollen ruhig die anderen holen, die armen Hund’, die nichts anderes besitzen als ihre obszönen Pokale und ihr schales Glück.
Was ich Ihnen trotzdem rate?
Begehen Sie das Unverzeihliche. Werden Sie Weltmeister und treten Sie diesen Ball mitten in das verbarrikadierte österreichische Herz. Sprengen Sie es auf! Zwingen Sie uns zum unerträglichen Schock des Gelingens. Nötigen Sie uns zum Glück! Gegen jeden Instinkt. Gegen jede Tradition. Es wird uns erschüttern. Es wird uns überfordern.
Es wird herrlich! Und wenn Sie doch früh ausscheiden? Dann, mein lieber Stürmer und Dränger, dann würden Sie uns das schönste aller Geschenke machen: einen funkelnagelneuen Grund zum Raunzen. Einen Seufzer, in dem eine Geborgenheit liegt, die kein Sieg je böte: die insgeheime Erleichterung, dass das Glück vorbei ist und man sich nicht länger so anstrengen muss.
Es liegt an Ihnen. Wollen Sie ein guter Österreicher sein oder ein großer? Überlegen Sie es sich gut. So, das macht dann 280 Euro, bitte. Bar, versteht sich. Ich akzeptiere nämlich auch keine Karten. Weder gelbe noch rote.
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