Freudvoll auf einer Grillparty im Schrebergarten
Ich stehe vor der Parzelle 23 und halte ein Sackerl Käsekrainer in meiner Faust. Auf der Einladung stand „Bring your own food!“, was soviel bedeutet wie: „Ich lad’ Dich ein, aber Du zahlst!“ Es ist Freundschaft mit Selbstbehalt und hat die Herzlichkeit eines Krematoriums: Man stellt die Glut, den Leichnam bringt der Gast.
Mich erwarten hier 300 qm Eigentumssimulation, auf denen erwachsene Menschen das Leben ihrer Großeltern nachstellen, nur mit Wlan und Bluetooth. Die Parzellen liegen so dicht nebeneinander, dass man dem Nachbarn beim Atmen zuhören kann, aber alle tun so, als wären sie allein in der Toskana.
Der Gastgeber begrüßt mich mit einem Händedruck, der signalisiert, dass hier ein Mann steht, der weiß, wann die Senkgrube voll ist. Er führt mich durch einen Garten, der ein Meisterwerk der Unterdrückung ist. Ich habe selten so viel Natur gesehen, die so wenig darf. Buchsbäume werden hier zu Kugeln gezwungen, und am Zaun stehen Paradeiserpflanzen, in Reih und Glied wie Rekruten beim Morgenappell. Jede an einen Bambusstab gefesselt, als hätte man ihnen einen Fluchtversuch nachgewiesen. Daneben das Mandala des Kleingartenbesitzers, also die Kräuterspirale und jenes Bauwerk, das entsteht, wenn sich Esoterik und Hornbach paaren.
Der Rasen ist englisch und leuchtend wie ein Bildschirmschoner. Über das Grün fährt ein Mähroboter, obwohl es nichts zu mähen gibt, außer dem einen Löwenzahn im Eck, den er nicht erwischt.
Die Gäste sind alle Mitte 40. Also ungefähr in jenem Alter, in dem der Mensch aufhört, sich zu verändern und anfängt, sich zu sanieren. Gesprochen wird, sobald die ersten Spritzer wirken. Und jedes Gespräch ist eine Amortisationsrechnung. Die Wärmepumpe rechnet sich nach zwölf Jahren, die Photovoltaik nach neun, die Kinder wohl nie. Einer trinkt seit hundertelf Tagen keinen Alkohol und zählt laut mit. Dazwischen nuckelt er an einer Flasche Wasser mit Elektrolyten und schätzt uns insgeheim auf den Körperfettanteil. Neben mir sitzt eine, die „Wie geht’s?“ wörtlich nimmt, obwohl es keine Frage ist, sondern eine Begrüßung. Ihr rosaroter Lippenstift sitzt den ganzen Abend auf dem oberen Schneidezahn, und niemand sagt es ihr. Das ist die eigentliche Physik solcher Abende: Eine Wahrheit kann stundenlang sichtbar im Raum schweben, und keiner fasst sie an. Niemand sagt hier etwas Falsches, weil niemand etwas Richtiges sagt.
Eine elektrische Insektenlampe
knistert regelmäßig kleine Hinrichtungen in die Gespräche, über den Thujen taucht in verlässlichem Takt der Nachbarkopf auf, vorgeblich mit der eigenen Hecke befasst, tatsächlich auf Erkundung. Sein Blick kennt die Vereinsstatuten auswendig, wandert über den Griller, die Gäste, das Fleisch, auf der Suche nach dem Verstoß gegen Paragraph 9.
Die Dame des Hauses räumt indes das Fest weg, während es noch stattfindet. Kaum landet ein Glas auf dem Holz, schiebt sie lautlos einen Untersetzer drunter. Das Essen dauert zu lange, und die Stimmung sinkt parallel zum Blutzuckerspiegel. Auf die Frage, wann gegessen wird, antwortet der Hausherr nicht mit der Uhrzeit, sondern mit der Temperatur. „Bei 56 Grad.“ Er steckt ein digitales Thermometer in das Steak, liest den Wert ab und sagt „noch nicht“, in einem Ton, als hielte er gerade ein Frühchen am Leben.
Um Punkt 22 Uhr ist Schluss. Wir tragen alle die Polster ins Haus, ehe der Tau sie kränkt. Ich bin freudvoll, denn ich habe in diesem makellosen Garten zwei Dinge entdeckt, die sich nicht erziehen ließen und mich in beiden wiedererkannt: das Feuer und den Löwenzahn.
Die Autorin: Aida Loos feiert mit „freudloos“ am 24. 10. Premiere im Wiener Volkstheater.
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