Vea Kaisers Kolumne „Fabelhafte Welt“: Ferragosto
Über verschiedene Urlaubsphilosophien, Lebenseinstellungen und warum lauter wilder Trubel uns bereichert.
Wie jedes Jahr verbringen wir den August in Italien. Mein Mann ist schließlich auch Italiener – und in Italien gibt’s eine etwas andere Urlaubsphilosophie als im Schnitzelland. Hierzulande macht man am liebsten Urlaub, wenn es nicht zu voll ist. Man bevorzugt Orte, an denen sich nicht alle anderen tummeln, und Zeitpunkte, zu denen sich dort nicht alle anderen tummeln. In Italien hingegen verreist man bevorzugt dann, wenn es alle anderen auch tun: rund um den 15. August, Ferragosto. Je voller, je lauter, je trubeliger, desto besser.
Ich habe das lange nicht verstanden. Warum fährt man freiwillig mitten in der Hochsaison, wenn alles überlaufen und teuer ist, obwohl man problemlos im Juni oder September Urlaub machen könnte? Nach acht Jahren Ehe habe ich allerdings gelernt, dass hinter dem Ferragosto-Trubel eine schöne Lebensphilosophie steckt. Der Alltag ist einsam genug. Viel zu selten verbringt man unbeschwerte Zeit mit Familie und Freunden.
Warum also nicht gemeinsam genießen? Warum sollte ich mich nur dann entspannen können, wenn sonst niemand da ist? Ist es nicht viel schöner, wenn rundherum Kinder quietschen, Erwachsene laut durcheinanderreden und aus irgendeiner Box Musik schallt? Geteilte Freude ist doppelte Freude. Ruhe und Stille gibt es später genug, und zwar am Friedhof.
Aus Erfahrung kann ich empfehlen: Nehmen Sie Ferragosto zum Anlass, sich dem Leben bewusst auszusetzen. Stürzen Sie sich ins Gewusel. Je lauter, desto besser. Je voller, desto schöner. Essen Sie zu viel, reden Sie mit Fremden, sitzen Sie mit Freunden bis tief in die Nacht zusammen. Das macht nicht nur toleranter. Es erinnert einen auch daran, dass das Leben nicht dafür gedacht ist, ungestört zu sein.
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