Vea Kaisers Kolumne „Fabelhafte Welt“: Wasser und Wasser
Über die Evolution, die man als Elternteil am Kinderbecken durchlebt.
Es gibt Orte, die verändern sich nicht. Unser Blick auf sie allerdings schon. Zum Beispiel das Kinderbecken. Als Kind war es für mich das Paradies. Heute ist es das Paradies meiner eigenen Kinder. Als begleitender Elternteil habe ich dort in den vergangenen fünf Jahren allerdings eine erstaunliche Wandlung durchlebt. Eine Art Kinderbecken-Evolution.
Anfangs sitzt man am Rand, hält die Kamera bereit und beobachtet entzückt, wie die Bambini das Element Wasser entdecken. Man lernt andere Eltern kennen und ist überzeugt, Teil einer wunderbaren Gemeinschaft geworden zu sein. Im zweiten Sommer bröckelt der Zauber. Plötzlich begegnet man G'frastern, die das eigene Kind von der Rutsche schubsen oder einem selbst den Wasserkübel ins Gesicht leeren.
Man lächelt höflich und verflucht innerlich die Erziehungsberechtigten. Im dritten Jahr lernt man, dass Wasser nicht einfach Wasser ist, sondern eine Flüssigkeit mit Geschichte. Man erkennt, dass sich darin verschiedene Temperaturzonen bilden. Und erschaudert, wenn eine besonders warme Strömung das Schienbein umschmeichelt. Im vierten Sommer entwickelt man den Blick fürs Treibgut.
Und für schlecht sitzende Schwimmwindeln. Im fünften Sommer mit der Elefanten-Wasser-Rutsche sitzt man nicht mehr entspannt am Beckenrand. Man ist ständig in Alarmbereitschaft und schielt sehnsüchtig hinüber auf das große Becken. Dorthin, wo das Wasser blau ist. Klar. Ungetrübt. Und kalt.
Vielleicht hat die Evolution das Kinderbecken deshalb gar nicht für Kinder erfunden. Sondern für Eltern. Als Erinnerung daran, dass jede Entwicklungsphase irgendwann vorübergeht. Und dass eines Tages wieder die Zeit kommt, in der man Wasser einfach wieder für Wasser halten darf.
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