Porträt von Vea Kaiser mit dunklen, gewellten Haaren und einem sanften Lächeln.

Vea Kaisers Kolumne „Fabelhafte Welt“: Leben mit Zauberkünstlern

Über die besondere Herausforderung, wenn vererbbare Verhaltensweisen eine Generation überspringen.

Im Herbst wird mein Erstgeborener fünf. Er schwimmt und radelt schon wie ein Großer, erzählt herrliche Witze, ohne sich – wie für dieses Alter eigentlich typisch – kurz vor der Pointe selbst zu zerkugeln. Am meisten bewundere ich aber, wie tief er in Geschichten versinken kann. Guten Büchern lauscht er mit einer Konzentration, die man selbst bei Erwachsenen selten findet. Spannende Filme schaut er so aufmerksam, dass er nicht einmal reagiert, wenn man ihn anspricht.

Leider hat diese Gabe neuerdings die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit überschritten. Kaum räume ich die Küche auf, füttere den Hund oder schaue nur einen Moment weg, ist das Kind verschwunden. Ich rufe seinen Namen. Keine Antwort. Nicht, weil er mich ärgern will. Sondern weil irgendeine Entdeckung oder ein Spiel gerade wichtiger ist als seine Mutter. Das Schlimmste: Ich kenne das. Denn ich bin die Tochter eines Mannes, der seit Jahrzehnten spurlos verschwindet

Man sitzt beim Essen, geht spazieren, baut ein Gesellschaftsspiel auf und dreht sich um – schon ist mein Vater weg. Das Verrückte daran: Niemand weiß je, wohin. Irgendwann taucht er wieder auf und versteht die allgemeine Aufregung nicht im Geringsten. Im Großfamilienurlaub gibt es deshalb immer eine Kassa. Wer fragt: „Wo ist er?“, muss einen Euro zahlen. Schließlich hätte derjenige besser auf ihn aufpassen müssen. 

Offenbar war meine lebenslange Suche nach Opa Copperfield nur die Generalprobe für mein Leben mit Mini-Copperfield. Vielleicht ist das der Preis großer Fantasie. Wer sich einer Geschichte ganz hingeben kann, vergisst manchmal die Welt um sich herum. Davon profitiere ich als Schriftstellerin. Als Mutter leide ich darunter. Jede Begabung hat halt ihren Preis.

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Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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