Porträt von Vea Kaiser mit dunklen, gewellten Haaren und einem sanften Lächeln.

Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Mit den Eltern telefonieren

Wie schwer es ist, kleine Informationen einzuholen, wenn die Informanten neuerdings jet-setten.

Theoretisch sind meine Eltern nun im "Ruhestand". Praktisch jedoch sind sie aktiver denn je. Das merke ich nicht zuletzt daran, dass ich sie kaum noch erreiche. Früher waren sie zwar oft beruflich verhindert, aber spätestens abends telefonisch kontaktierbar, wenn sie in ihrem Wintergarten den Tag ausklingen ließen oder einen Krimi schauten. War die Handlung spannend, wurde ich nach fünf Sekunden abgewürgt – aber immerhin wusste ich, wo sie sind.

Das ist nun anders. Neuerdings jetsetten die zwei durch Europa, haben ständig Termine, sind dauernd auf Achse. Meine pensionierten Eltern erinnern mich an Jungvögel, die entdeckt haben, wie weit und schnell sie fliegen können. Ich freue mich darüber. Wirklich. Nur wäre es schön, wenn sie ein bissi besser erreichbar wären.

Morgens und abends brauche ich es gar nicht erst versuchen. Entweder sie sind unterwegs oder sie ruhen sich gerade davon aus. Tagsüber wiederum befinden sich die Telefone oft an völlig anderen Orten als ihre Besitzer. Und erreiche ich einen Elternteil, wird das Gespräch meist vertagt, weil der andere mithören will. Dann beginnt der technische Teil. "Wieso sehen wir dich nicht?", höre ich, obwohl ich ganz normal angerufen habe. Also lege ich auf und starte einen Videochat.

Danach sieht man minutenlang entweder Ohrmuscheln oder Zimmerdecken. Anschließend kämpft jemand mit der Verbindung zum Hörgerät, der Freisprechanlage oder einem Lautsprecher, der plötzlich aus einem anderen Zimmer zurückhallt. Während ich warte, denke ich manchmal: So muss es sich für sie angefühlt haben, als ich 17 war. Man braucht nur eine Information, aber die Menschen, die sie einem geben könnten, sind unerreichbar. Also wartet man. Hofft, dass es ihnen gut geht. Und dass sie zumindest ein bissi brav sind.

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

Kommentare