Porträt von Vea Kaiser mit dunklen, gewellten Haaren und einem sanften Lächeln.

Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Anpfiff, Abpfiff, wahre Liebe

Was man von derjenigen Mannschaft lernen kann, die gar nicht bei der WM dabei ist

Für unseren Sohn ist diese WM das erste Fußball-Großereignis, das er bewusst wahrnimmt. Und sie verwirrt ihn. Seit er auf der Welt ist, hört er, dass die Squadra Azzurra die beste Nationalmannschaft der Welt ist. Doch nun ist Italien nicht dabei. Österreich schon.

Natürlich wuchs Bambino auch mit dem Bejubeln österreichischer Spiele auf, aber der Stolz seiner Schnitzi-Familie auf die eigene Mannschaft reichte noch nie an das Lobpreisen und Verehren heran, zu dem seine Pasta-Famiglia imstande ist. Im internationalen Vergleich fehlen uns Österreichern nicht nur gewichtige Titel, sondern auch das Talent zur hemmungslos ausgelebten Emotion.

Mein Dottore Amore erklärte unserem Sohn den italienischen Fußball wie folgt: "Auf Triumphe folgen tiefe Krisen!" 2006: Weltmeister. 2010 und 2014: Aus in der Vorrunde. 2018: nicht qualifiziert. 2021: Europameister. 2022 und 2026: nicht qualifiziert. Unser Sohn fragte: "Aber wieso heißt es bei uns dann immer, Italien hat die beste Mannschaft der Welt?" Der Dottore Amore lächelte. "Eben deshalb." In Italien liebt man den Fußball nicht, weil er zuverlässig glücklich macht.

Wer nur Erfolg lieben würde, hätte längst aufgehört, die Azzurri anzufeuern. Man liebt ihn, weil er alles bereithält, was auch das Leben bereithält: Triumph und Tragödie, Euphorie und Verzweiflung, Hoch und Tief – oft in erstaunlich kurzer Folge. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die man vom italienischen Fußball lernen kann: Wahre Liebe erkennt man nicht daran, wie laut jemand jubelt, wenn alles gut läuft. Sondern daran, dass er nach einer Katastrophe wiederkommt – pünktlich zum nächsten Anpfiff. Oder wie es mein geliebter Gatte sagte: "2030 werden wir dann wieder Weltmeister."

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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