Verlangsamung, aber rasch! Auf geht's ins Jahr der Schnecke
Neue Jahreszahl, neuer Beginn? Ja, hab’ ich zumindest so im Kalender eingetragen. Einstweilen ist noch nichts passiert. Alles beim Alten. Es war noch keine Zeit für Rückblick und Ausblick. Aber heute! Heute ganz bestimmt. Heute setzen wir uns zusammen, mit Rückspiegel und Glaskugel.
Die Raunächte dauern ja noch bis übermorgen, wir befinden uns also „zwischen den Jahren“ und setzen erst zur Landung in 2026 an. Zeit genug.
Wer, wie ich, sein Leben so taktet, dass eins vor zwölf die angepeilte Startzeit für fast alles ist, hält zwei volle Tage für einen komfortablen Zeitpolster. Wir werden räuchern, reden, rasten, und wir gehen es heuer langsam an.
Ich und langsam?
Meine Oma hätte an dieser Stelle gesagt: „Da lachen ja die Hühner!“ Bei uns lacht die Nachbarin. Die kennt mich ganz gut und findet meinen Vorsatz „Verlangsamung, aber rasch!“ kabarettreif. Ich fühle mich nicht ernst genommen und sage: „Lach nicht! Bei mir beginnt das Jahr der Schnecke.“
Da muss mich die Nachbarin gleich doppelt korrigieren: „Ein Jahr der Schnecke wünscht man nicht einmal seinem ärgsten Feind. Halt uns bloß die Schnecken aus den Beeten fern!“ Und zweitens: „Nur dass du Bescheid weißt, im chinesischen Tierkreis folgt auf das Jahr der Schlange ab 17. Februar das Jahr des Pferdes. Weit und breit kein Jahr der Schnecke in Sicht.“
„Mach dich nicht zur Schnecke!“
Dann klärt sie mich auf, dass man sich erreichbare Ziele setzen solle, „statt an unrealistischen Neujahrsvorsätzen binnen Stunden zu scheitern“. Nachsatz: „Bei deinem Tempo schaffst du das Scheitern sogar binnen Sekunden.“
„Sehr witzig“, entgegne ich, „ich werd’ dir beweisen, dass ich 2026 nach dem paradoxen Prinzip lebe ,Langsam, langsam, wir haben keine Zeit zu verlieren!’ – und mit der neuen Langsamkeit meine Effizienz noch steigern werde.“ Sie schmunzelt, als wüsste sie mehr über mich als ich selbst.
Und so frage ich: „Was bitteschön wäre denn aus deiner Sicht ein erreichbares Ziel, das ich mir stecken soll?“
Die kluge Nachbarin überlegt
Dann sagt sie: „Mach dich doch nicht zur Schnecke! Wenn ich, wie du, ein Wiesel im Dauerlauf wäre, würde ich als ersten Schritt das Jahr des Igels ausrufen.“
In der Folge erklärt sie mir, dass Igel etwa die halbe Höchstgeschwindigkeit von Wieseln schaffen und damit deutlich flotter als Schnecken sind. Schnell, viel zu schnell, greife ich zum Handy, tippe in Windeseile „Igel“ und „Wiesel“ ein und sage: „Ok, ich bleibe doch ein Wiesel. Damit liege ich voll im Trend. Stell dir vor: Das Mauswiesel ist das Tier des Jahres 2026! Wusstest du das?“
„Nein“, sagt die Nachbarin, „aber dann bleibt hier wohl alles beim Alten.“ Das verneine ich blitzschnell: „Für Sonntagabend haben wir Rückblick und Ausblick im Kalender eingetragen, ab Montag wird hier alles anders.“
Die Nachbarin steht auf und sagt: „Gut, dann schau’ ich am Dreikönigstag wieder zum Kaffee vorbei. Ich bring den Kuchen.“ Sofort hab ich auf den Lippen: „Ach, lass das, ich back’ schnell was zwischendurch.“ Aber ich sage nichts.
Birgit Braunrath betreibt mit ihrem Mann einen Biohof im Südburgenland. www.wunderbarestreuobstwiese.at.
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