Kolumnen
30.07.2018

Was die Lust braucht: Nichts!

Stress und Sorgen sind Libidokiller. Im Urlaub bekommen nicht nur Körper und Geist die Gelegenheit sich zu erfrischen – auch das „Lust-System“ erholt sich. Ein guter Moment, um Slow Sex zu probieren.

Post aus Italien.  Frau S, eine Leserin, liegt seit zehn Tagen am Strand und freut sich: „Endlich wieder Lust auf Sex. Aber haben Sie eine Antwort darauf, warum das Nichtstun meine Fantasien und meine Libido so ankurbeln? Ich war vor Urlaubsantritt so erschöpft, dass ich mir diesbezüglich gar nix vorstellen konnte, jetzt treiben wir es täglich.“

Molto Bene.  Dieses Mail ist ein wunderbares Beispiel dafür, was die Lust immer wieder einmal dringend braucht: mehr vom Nichts! Und das in Form einer XL-Packung. Nichts bedeutet: herumliegen, abschalten, den Wolken beim Ziehen zuschauen, dösen, im Wasser treiben, gut essen, gut trinken, sich in Sonnenuntergängen verlieren und ganz spontan ins Bett zu hüpfen.  Das System fährt runter, der Stresshormonlevel reduziert sich. Das ist nicht nur für den Geist und Körper  gut, sondern auch für die Libido. Denn tatsächlich ist der so genannte „sexuelle Reaktionszyklus“ höchst sensibel und stressanfällig. An dessen Anfang steht der sexuelle Appetit – auch als Lust bekannt. Anspannung, Verkrampfung, Angst sind ihre schlimmsten Gegner.  Wer über einen längeren Zeitraum im Hamsterrad steckt, sich sorgt und unter Nonstop-Leistungsdruck steht, gerät in einen Dauer-Spannungszustand, sowohl körperlich als auch geistig. Dabei verliert man irgendwann einmal auch das Gefühl für sich selbst. Ein Abkoppeln und reines Funktionieren, viele Menschen arbeiten in diesem Zustand gegen ihre inneren Rhythmen. Der Highway in die Erschöpfung – die eher kein ideales Terrain für Lust und  Liebe ist. Viele Partnerschaften scheitern deshalb. Pause dringend erwünscht!

Sich wieder spüren

Der Urlaub ist eine herrliche Gelegenheit, um wieder zurück in den eigenen Körper zu schlüpfen, sich zu spüren, berührt zu fühlen – und schließlich auch den anderen zu berühren. Eine wichtige Zutat dafür ist bewusst gelebte Langsamkeit – in allen Urlaubslagen. Nicht das Hecheln von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, sondern nur gedrosseltes Tempo bringt jene nötigen Zwischenräume, in denen wir dann auch als sexuelle Wesen wieder atmen und fühlen können. Der Urlaub wäre daher eine gute  Zeit, um Slow Sex auszuprobieren. Das ist achtsames, fast verträumtes Vögeln, mit Sicht aufs Meer und besonderer Hingabe ans Du – so als würden zwei Möwen am Himmel dahingleiten. Nicht nur: Es geht dabei sehr um Bewusstsein, abseits lange eingeübter Beischlaf-Routinen. Ums Atmen, ums Spüren, ums Riechen – hier und jetzt. Das hilft ungemein, sich zu entspannen. Um endlich auch im Bett den Performancedruck sausen zu lassen.  Slow Sex kann außerdem  magische Momente erzeugen. Weil es dabei nicht um  das plumpe Geilsein geht, sondern um sexuelle Kommunikation, um entschleunigte Nähe und Intimität. Statt schnell eine Nummer durchzuhecheln, halten die Sexualpartner inne und schaffen Raum, Zeit und eine sehr besondere Form erotischen Knisterns.   Auf diese Art wird nicht nur wichtige Zeit gewonnen, sondern  totale Absichtslosigkeit erreicht, weitab vom des Ziels namens Orgasmus. Man vögelt im Augenblick, in dem was ist – nicht  denkend, was kommt und was nicht. Denn wie heißt es so schön? „Nur in einem ruhigen Teich spiegelt sich das Licht der Sterne.“