Kolumnen
24.07.2018

Das Liebes-Mal

Der Knutschfleck hat noch immer Saison und nach wie vor wird unterschiedlich damit umgegangen. Manche sehen ihn als Trophäe, andere genieren sich dafür. Im Kamasutra wird Beißen, Saugen und Kratzen aber ausdrücklich empfohlen.

" Knutschfleck selber machen – so geht’s.“ Es war rund um den „Tag des Kusses“, als ich über diese  Story stolperte –   eine Anleitung fürs An-sich-selbst-Saugen samt  Erklärung, was dahinter steckt. Es handelt sich dabei um ein Hämatom (Bluterguss), das sich aufgrund des Unterdrucks bildet, der beim Saugen entsteht. Blutgefäße platzen, Blut gerinnt, das Ergebnis: Der Fleck wird dunkel und mutiert  schließlich ins Grün-Gelbliche. Nach einer Woche ist er wieder weg.  Für das Saug-Selfie solle man seine  Lippen „O-förmig“ auf die gewünschte Stelle pressen. Offenbar gehen junge Menschen heute  unterschiedlich mit dem Knutschbeweis um – manche verstecken ihn, andere präsentieren ihn wie eine Trophäe. Der Exhibitionismus geht  dann gar so weit, dass Fotos von Zuzelflecken (der Wienerische Ausdruck) auf Instagram gepostet werden. Andere hingegen wickeln sich selbst im Sommer, eine traditionelle Saug-Hoch-Zeit, Tücher um den Hals. Der Fleck muss weg!

Ist man nicht mehr ganz so jung, stellt sich  die Frage, ob Sex  Spuren hinterlassen  darf und, wenn ja, wo. Wäre  natürlich eigen, müsste sich die Frau Aufsichtsratspräsidentin bei 36 Grad  ein Hermès-Tüchlein in ihren Ausschnitt stopfen, um das letzte Andocken des  Lovers zu verstecken. Herren haben es da mit Hemd, Krawatte oder Stecktuch leichter.

Pfauenfuß und Hasensprung

Denn klar: Wo Leidenschaft und Hingabe, da Spuren. Dagegen ist  nichts zu sagen. In der Ekstase wird schnell einmal gebissen, gekratzt oder resch zugepackt.  Diesen „Nägelmalen und Bisswunden“ ist im Kamasutra gar ein eigenes Kapitel gewidmet, da heißt es: „Wird die Leidenschaft heftig, dann ist das Kratzen mit den Nägeln angebracht. Es wird bei folgenden Gelegenheiten angewendet: bei der  ersten Vereinigung, beim Antritt einer Reise, bei der Rückkehr, bei der Versöhnung mit der zürnenden Geliebten und wenn sie betrunken ist.“ Acht Nagelmal-Formen unterscheidet die indische Liebeskunst, nur einige seien erwähnt: „Tigerkralle“,  „Pfauenfuß“, oder „Hasensprung“. Auch die Orte, wo sie „anzubringen“ sind, werden erwähnt: Achselhöhlen, Brüste, Hals, Lippen, Schamgegend, Schenkel. Aber: „Wenn die Leidenschaft ins Unermessene wächst, dann ist jeder Ort geeignet.“ Wer  wissen will, wie der „Pfauenfuß“ aussieht, bitte: Man ziehe mit den fünf Nägeln um die Brust herum eine krumme Linie. Fünf eng zusammengesetzte Nagelspuren in der Umgebung der Brustwarze bilden den „Hasensprung“. Auch „Erinnerungszeichen“ gibt es. Sie werden  vor Antritt einer Reise gesetzt, drei bis vier zusammenhängende Kratzlinien auf Schenkel oder Hüfte. Was das Kamasutra ebenfalls rät: „Der Frau eines anderen bringe man keine Kratzwunden bei.“  Schließlich – der Biss. Er ist  ein Verwandter des Knutschflecks, weil nicht nur die Zähne, sondern auch die Lippen ins Spiel kommen.  Beispiel: das Biss-Mal „Koralle und Edelstein“, bei dem die Lippen als Koralle fungieren und die Zähne als Edelstein. Und klar: Frauen beißen und kratzen ebenso, sogar ärger. „Beißt ein Mann heftig eine Frau, dann vergelte sie es ihm doppelt.“ Bei großer „Entflammung“ empfiehlt man gar den „Liebesstreit“, dabei zieht sie ihn an den Haaren, saugt und beißt. Für Nachahmer: Allenfalls an Wundspray und Pflasterchen im Schlafzimmer denken.