Polly Adlers „Chaos de luxe“: Mehr Echtleben einfach
Den moralischen Kompass höher hängen.
Wie kannst du nur?“, sagte er mit vor Entsetzen geweiteten Augen und starrte auf die tintenblaue Nudelpackung in meinem Vorratsschrank. Zur Erläuterung: einer meiner GBFF’s (Gay Best Friend Forever) war zu Besuch in meinem Badehäuschen. Ich hatte nicht am Schirm gehabt, dass „der Pasta-Heini total homophobe Äußerungen gemacht hat“. Ich warf mich auf die Knie: „Bitte verzeih meine Ignoranz. Wir essen heute Erdäpfel aus dem Waldviertel. Der Bauer ist wahrscheinlich leider cis-normativ, aber sie sind nachhaltig beatmet.“
Mein GBFF ist prinzipiell eine moralisch einwandfreie Festung und hat sich von allen Streaming- und Zustelldiensten verabschiedet, die auch nur ansatzweise der Kampfsportart Speichellecken bei Trump frönen. Ich bewundere ihn für diese Konsequenz, denn bei mir herrscht da ein gewisser ethischer Schlendrian. Ich lass mir aus dem Amazonien-Universum regelmäßig Dinge wie Rokoko-Perücken und andere Dringlichkeiten liefern, die ich für mein lustiges Festival brauche.
Ich fühle mich dabei schlecht, aber nicht schlecht genug. Die Nudeln werde ich trotzdem essen, aber ohne Freude. „Man wirft kein Essen weg“, hatte mir schon meine Oma eingetrichtert, die selbst Magenschmerzen auf sich nahm, um zwei Tage lang in der Marinade dümpelnden Salat zu verputzen. Sie hatte während des Krieges für ihre Kinder zu oft aus Kartoffelschalen Suppen gebastelt. Aber ich versprach mir, meinen Moral-Kompass wieder höher zu hängen. In die kleinen Buchhandlungen zu pilgern, die immer weniger werden. In Lichtspielhäuser zu gehen und nicht nur auf der Couch zu streamen.
Wieder mehr meine innere Analogikerin aus dem Gefängnis der Bequemlichkeit entlassen. Mehr Echtleben einfach.
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