Eine lächelnde Frau mit Sonnenbrille, dargestellt in einem Aquarell-Stil.

Polly Adlers „Chaos de luxe“: Mein Raum, dein Raum

Nicht jeder träumt vom ewigen Wir – manche brauchen Nähe mit Fluchttür.

Kürzlich saß ich bei einem Dinner. Neben der Hauskatze war ich das einzige Wesen vor Ort mit Single-Status. Das Thema kam auf eine seit einiger Zeit geschiedene Frau, die ich nicht kannte, aber alle anderen offensichtlich sehr gut. Denn jeder hatte eine Meinung zu ihr und wollte damit auch nicht hinter dem Berg halten: „Tolle Frau“, „Spitzenkarriere“, „aber halt jetzt kein Mann mehr und mit 53 ... naja“, „So ganz allein, ist sicher nicht lustig, vor allem in dem Alter ...“ Wahrscheinlich hatten sie ausgeblendet, dass ich auch am Tisch saß, und ich wollte schon zu einem Vortrag über Single-Shaming ansetzen, hielt aber dann an mich, denn ich sah schon die Gedanken-Blasen wie „Die ist ja nur frustriert“ oder „Purer Selbstschutz“. 

So klaute ich mir von einem Freund ein Bonmotscherl, der als größten Vorteil seiner Trennung die Tatsache befand, „endlich dann essen zu können, wenn ich wirklich Hunger habe“. 
Wieder einmal stellte sich heraus, dass jeder das eigene Lebenskonzept für das einzig wahre hält. Was natürlich auch eine Art Selbstschutz ist. Es gibt schon Augenblicke, an denen ich mich nach so einer voll harmonischen, symbiotischen Paarbeziehung sehne – vor allem, wenn ich auf meinen Mieterlagschein und die Stromrechnung schaue. 
 

Aber Zynismus beiseite: Es gibt Menschen, die eignen sich bestens für so ein Lebens-Tandem und haben dafür auch eine brauchbare Choreographie entwickelt. Einer oder eine hat den Aszendent Checker und der andere macht es sich in dieser Energie gemütlich. Und dann gibt es Schrullis wie mich. Ich bin ein durchaus soziales Wesen, aber die Vorstellung, dass ich Tag und Nacht in dasselbe Gesicht schaue, stillt keinerlei Sehnsucht, sondern macht mir eher Angst. Jedem seinen Huscher, oder? 

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows im Wiener Rabenhoftheater, die nächste Premiere ist für den Herbst 2026 geplant. Kürzlich erschien der erste Polly-Adler-Krimi „Pardon, aber da schwimmt eine Leiche in der Schokolade” bei Ueberreuter.

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