Die Neunziger gehör(t)en uns

Irgendwann holt die eigene Jugend einen ein. Das muss man verkraften können.
Alexander Kern
Mode und Lifestyle der Neunzigerjahre

Sorry Leute, aber ihr kriegt die Neunzigerjahre nicht zurück. Wir geben sie nicht her. Ich gebe sie nicht her. Zeitzeugen wähnen sich derzeit ja in einem dauerhaften Déjà-vu. Ist das noch 2026, oder schon wieder 1995? 

Die Gen Z pilgert in die Secondhand-Shops, als hätte Helmut Lang noch mal eine Kollektion rausgehauen. Dort gibt es grellbunte Nylon-Windjacken in abwegigen Designs, wie Liam Gallagher am Barhocker direkt vom Körper gezogen. Rotzbremsen überall, als würde man Rudi Völler zuschauen, wie er für den AS Roma einläuft. Die Snob-Fraktion macht inzwischen auf JFK jr. und wirkt doch wie Stromberg. 

Das macht sicher Spaß, aber eine Erkenntnis sollte man bedenken: Erst wenn das Kopfhörerkabel sich zum x-ten Mal unauflöslich verknäult, man sich des Vokuhilas zuliebe zum Pudel geföhnt und Kommissar Rex die letzte Wurstsemmel verschlungen hat, werden sie feststellen, dass man das bittersüße Freiheitsgefühl der Neunziger nicht nachstylen kann.

Zeitreisen sind erlaubt

Kein Whatsapp-Chat dieser Welt ersetzt den Nervenkitzel, seinen Schwarm am Festnetztelefon anzurufen. Einen Sonntag einfach nur im Bett rumzuknotzen, musste nicht extra mit dem Hashtag „Bedrotting“ punziert werden. Ein Fotoapparat gab die Chance auf 24 oder 36 Bilder pro Film, dann war Schluss. Und um zum Geburtstag zu gratulieren, durfte man Menschen anrufen. 

All das braucht man nicht verstehen, wenn man Fischerhut oder Crop Top tragen will. Vielleicht wird einem nur klar, dass man älter geworden ist. Nostalgie ist ein Zyklus, der jeden einholt. Seine Jugend muss man bereit sein, irgendwann mit anderen zu teilen.

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