Kolumnen
30.08.2018

Meiden Sie Menschen, die sich beim Warten langweilen

Psychologen raten dazu, in Warteschlagen nach hinten statt vorn zu schauen. Das verleiht ein Gefühl von Überlegenheit.

Ich mutiere zu meiner eigenen Großmutter. Immer, wenn ich im Wartezimmer eines Arztes Platz nehme.

Stocksteif sitze ich da, die Hände in den Schoß gelegt. Ständig starre ich auf die Uhr. Tick tack. Die Zeit vergeht nicht.

Ich brauche Ablenkung.

Mein Blick fällt auf die Klatsch-Zeitungen, die sich in der Raummitte stapeln. Der Neue von Heidi Klum hat sich scheiden lassen. Mir ist so fad, dass ich den Bericht lesen will. Just in dem Moment greift die Dame gegenüber nach dem Heftl. Ich tröste mich damit, dass meine Oma beim Arzt auch nie Illustrierte gelesen hat. An ihnen könnten die Viren sämtlicher Patienten kleben, hat sie gesagt. Ich lege die Hände wieder in den Schoß. Mir ist fad.

Wartende, die Langweile haben, sind hochexplosiv. Noch schlimmer sind nur Menschen, die sich auch noch schlecht behandelt fühlen. Das weiß jeder Callcenter-Mitarbeiter.

Hat sich auch zu Flughafenmanagern durchgesprochen. Sie lassen Passagiere angeblich gern quer durchs Gebäude latschen, bevor sie ihren Koffer bekommen. Eine Beschäftigungstherapie, die Beschwerden über lange Wartezeiten bei der Gepäckausgabe drastisch reduziert.

Ich würde auch gern einen Abflug machen. Jetzt. Weil die Dame neben mir immer aggressiver mit ihrem Kaugummi in mein Ohr schmatzt. Ich krieg’ gleich einen Tinnitus. Flüchte ins Vorzimmer. Zähle die Leute im Warteraum – 15! Das Gute daran: Alle sind sie nach mir gekommen. Das verschafft mir ein absurdes Gefühl von Überlegenheit. „Kontrafaktisches Denken“, nennen das Psychologen. Sie raten dazu, in Warteschlagen nach hinten statt vorn zu schauen. Das hebt die Stimmung. Wissenschaftlich bewiesen.

Im Praxistest hilft es nur kurz.

Die Sprechstundenhilfe keift ausnahmslos jeden an. Ich frag mich, warum sich das alle gefallen lassen. Will was sagen, doch da ruft mich der Arzt auf. Ich stapfe zu ihm. Hochexplosiv. Er fragt mich nach meinem Befinden. Ich höre mich sagen, dass seine Vorzimmerdame unmöglich ist. Verständnisvolles Nicken. Hört er ständig, gesteht er. „Ist meine Ehefrau.“