Kolumnen
06/27/2019

Den Pilgerweg kann ich mir abschminken

Pilgern ist die älteste Form des Reisens. Hat man schon im Mittelalter gemacht. Allerdings mehr aus schlechtem Gewissen.

Neulich hab ich jemanden kennengelernt, der einfach gegangen ist. Mit einem Riesenrucksack aus der Tür seines Hauses in Bad Ischl raus, über Pilgerwege durch Europa und die halbe Welt. Rund 20.000 Kilometer Fußmarsch in eineinhalb Jahren.

Ich frag mich, ob der sonst nix zu tun hat. Genier mich noch in der Sekunde für meine Einfältigkeit. In Wirklichkeit wär ich auch gern so ein Abenteurer. Einfach auf und davon. Nur im Jetzt leben.

Tu ich nicht. Ich verbringe aber die meiste Zeit meines Lebens damit, mir um die Zukunft Sorgen zu machen, oder über die Vergangenheit zu grübeln. Und überhaupt! Wie wirkt sich so eine Auszeit auf die Pensionsjahre aus? Was wenn ich in der Mongolei Zahnweh bekomme? Der Weltenwanderer lächelt milde.

Vielleicht sollt ich es einfach ausprobieren. Auf einer Etappe des Jakobswegs. Ich werde mit dieser genialen Idee bei einer Freundin vorstellig. Sie sagt, sie hat keine Zeit. Ich weise sie darauf hin, dass ich noch gar kein Reisedatum vorgeschlagen habe. Referiere über das Pilgern, die älteste Form des Reisens. Hat man schon im Mittelalter gemacht. Allerdings mehr aus Verzweiflung. Es gab ja keine Billigflieger. Nicht einmal Autos. Also ging man zwangsläufig zu Fuß. Und erhoffte sich vom Pilgern ein Non-Stop-Ticket direkt in den Himmel – unter großräumiger Umschiffung des Fegefeuers.

Eine schreckliche Zeit, findet meine Freundin. Pilgern sollte aus ihrer Sicht mindestens so aus der Mode sein wie der Aderlass oder die Hexenverbrennung.

Sie tut plötzlich auf großer Reformer, betont, dass sie evangelisch ist, zitiert Martin Luther. Er hat Pilgern als „Narrenwerk“ bezeichnet. Wozu nach Santiago de Compostela hatschen, wenn man nicht einmal genau weiß, ob dort der Apostel Jakobus oder nur ein toter Hund begraben ist?

Dann lieber nach Graceland fliegen, schlägt sie vor. Dort kann man sich anschauen, auf welchem Anwesen Elvis Presley gelebt hat und sich zudem sicher sein, dass er dort begraben ist.

Ich geb’s auf. Wie Elvis schon gesagt haben soll: „Wenn Dinge schief laufen, lauf einfach nicht mit.“