© Nadja Maleh

Kolumnen
07/16/2022

C’est la Wien

Nadja Maleh hört den Wiener und Wienerinnen zu.

Ich liebe es, mit offenen Ohren durch die Wiener Innenstadt zu flanieren und Wortfetzen aufzuschnappen, kurz einzutauchen in eine fremde Lebenswelt. Zwei süße Teenies gehen vor mir, sie zu ihm „Oma und Opa sind die Besten. Ich versteh mich total gut mit Oma und Opa. Ich fahr urgern zu Oma und Opa! Wenn ich Oma und Opa nicht hätte. Oma und Opa ... “ und ich frage mich, wie oft man „Oma und Opa“ sagen muss, um verständlich zu machen, dass es um Oma und Opa geht. Ein „sie“ oder „die beiden“ wäre doch auch durchgegangen. Naja, ich freue mich für Oma und Opa und spaziere weiter.

Eine Dame mit Tschick und weißem G’spritzten hängt im Eck eines Gastgartens herum und lamentiert „Boid kost da Liter Benzin 3 Euro, I scheiß mi an ...!“, ich gebe ihr innerlich recht und gehe beschwingten Schrittes weiter.

Zwei Mädels sitzen aufs Handy starrend auf einer Parkbank und schreien hysterisch „Oh my god, that’s Edward Norton, I love him so much, Edward!“, ich freue mich über ihren guten Geschmack und spaziere weiter.

Ein entzückender alter Herr geht an mir vorbei, er lüftet lächelnd seinen Hut: „Ich schaue Sie so gern auf’m Fernseher an!“, oh du herrlicher Alt-Wiener Charme! Nur wenige Schritte weiter grölt eine Gruppe junger Kärntner Fußballer in einem Café lautstark „Layla heißt die Puffmutter“, ich stutze, google die Textzeile und finde heraus: Das ist grad ein Ballermann-Hit. Von einfachem Text mit gängiger Melodie lese ich da, von Liebe in der Luft. Puffmama Layla ist schöner, jünger, geiler. „#MeToo“ scheint Jahrhunderte entfernt zu sein. Bei meiner Geburt gab es für meine Eltern zwei Vornamen zur Auswahl, Layla oder Nadja. Noch nie war ich so froh über meinen Namen, wie in diesem Moment. Ich gehe raschen Schrittes weiter, aber mit weichen Knien. Wien ist eben alles.

C’est la Wien!

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