Verlandelt und verloren
„Du bist vollkommen verlandelt“, schmetterte mir meine Mutter selig gerne entgegen, wenn ich etwas ihrer Meinung nach Ungehöriges machte. Dazu musste ich keine Teller abschlecken oder mich in die Hand schnäuzen (wie wir das auf dem Land zu tun pflegen), es reichte schon, die Protagonisten der kommenden Burgtheater-Premiere nicht vollständig aufzählen zu können.
Meine Mutter hatte ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Land. Sie war eine Dame alten Stils, die einmal in der Woche zum Friseur ging und auch zu Hause, nur so für sich, ihren roten Lippenstift auftrug. Auch bei ihren Besuchen bei uns im Voralpenland trat sie stets geschminkt auf, was sie freilich nicht daran hinderte, in der Schwammerl-Saison auf der Suche nach Steinpilzen wie ein Wildschwein durch das Unterholz der Wälder zu robben. Sie liebte den Geruch von Mist und Gülle („das duftet so herrrrlich nach Land!“), kannte die Kühe des Nachbarn schnell namentlich und setzte sich im Gasthaus an den Jäger-Stammtisch, um das Neueste aus der Welt von Forstwirtschaft und Waidwerk zu erfahren.
Kein Theater, keine Oper
Eigentlich war es also meine Mutter, die bei ihren Besuchen spontan verlandelte. Dennoch konnte sie nicht verstehen, dass Frau Freund und ich in einem Dorf wohnen und nicht in Wien, schon allein, weil es in unserem Dorf kein Theater und keine Oper gibt. Kein einziges Theater und nicht den Hauch einer Oper! Wenn ich entgegnete, dass es sogar zwei Theater gäbe, nämlich das Laientheater im Wildpark und das Faschingskabarett im Pfarrsaal, verdrehte sie die Augen, wie sie überhaupt davon überzeugt war, dass ich in meiner rustikalen Welt keine angemessenen Gesprächspartner finden und in der Folge verblöden würde.
Ver-landeln, ver-blöden, ver-einsamen: Meine Mutter konnte mit der Vorsilbe ver- mehr Unheil anrichten als jeder Weltuntergangsprophet. Dieses Präfix drückt ja meist eine Verschlechterung oder ein Missgeschick aus und verändert die Bedeutung von Worten drastisch, man denke nur an verlernen, verpassen, verkommen. Vergeuden, verlieren, verblühen und verhungern sind auch nicht gerade positiv konnotiert, ebenso wenig wie verfluchen oder verweigern.
Ist es also auch ein Übel, wenn man verliebt ist? Auf Englisch ist man in love, auf Französisch amoureux, auf Italienisch innamorato, alles schön und romantisch – nur bei uns ist man verliebt. Verliebt klingt im Deutschen, als hätte man sich grammatikalisch verlaufen: ein bisschen verwirrt, leicht verwelkt, tendenziell verloren. Aber ich stehe dazu – ich bin ins Leben auf dem Land verliebt. Und außerdem mit einer Eingeborenen verheiratet, was meine Mutter immerhin verstanden und nicht verurteilt hat, obwohl diese Eingeborene, heute Frau Freund, bei den ersten Prüfungsrundfahrten auf der Ringstraße das Burgtheater mit dem Rathaus verwechselt hat. Verflixt, verliebt, verlobt, verlandelt – ich nehme das Gesamtpaket.
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