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Schweigen ist Silber: Klaus Eckel hat eine Meinung

Es wird immer mehr zum Tabu, Meinungen genauso zu behandeln wie Pin-Codes – man behält sie einfach für sich.
Klaus Eckel
Young woman making a shushing gesture

Vielleicht gehen der Welt irgendwann das Erdöl, Erdgas und das Lithium aus, doch von einem wird immer zur Genüge da sein: Meinungen. Unermüdliche Produzenten zur Befüllung unserer Meinungsspeicher sind Talkshows, Podcasts, Internetforen. Allein in der letzten Woche rauschten Ansichten zu folgenden Themen durch mein Kleinhirn: Nahostkonflikt, Windräder, Katzenwahlrecht, Ananas auf der Pizza, vegane Torwarthandschuhe und die Vorteile des bewussten Atmens. Im letzten Fall bleibe ich überzeugungsresistent und bekenne mich weiterhin zu den Menschen, die zwar unbewusst, aber durchaus erfolgreich atmen.

Es wird immer mehr zum Tabu, Meinungen genauso zu behandeln wie Pin-Codes, Cholesterinwerte oder seinen Suchverlauf im Internet – man behält sie einfach für sich. Es gibt ja die Theorie, dass sich der Mensch deswegen gerne in der Natur aufhält, weil man jedem Strauch, Baum oder Rebhuhn auf angenehme Weise wurscht ist. Beim Rebhuhn kann man seine Bedeutungslosigkeit nur dadurch ändern, indem man es jagt. Doch was wäre, wenn die menschliche Beurteilungsinkontinenz zu einer ansteckenden Krankheit wird?

Stellen Sie sich vor, die Natur würde damit anfangen, sich unentwegt Meinungen über uns zu bilden. Plötzlich stöhnt mein Zimmerkaktus, wenn ich morgens zum Kleiderkasten gehe: „Bitte nicht schon wieder das gestreifte Hemd!“ Jede Gelse saugt mich nicht nur aus, sondern hinterlässt mir eine Google-Bewertung: „Zu wenig Vitamin D, zu viel Kaffee im Abgang, zwei Sterne.“ Wenn ich mit dem Auto viel zu schnell an einem Feld vorbeirase, drehen mir tausende Sonnenblumen beleidigt den Rücken zu. Und das Mittelmeer beginnt diesen Sommer erstmalig damit, Urlauber nach Verhalten zu sortieren. Wer am Strand laut Ballermann-Hits spielt, bekommt Quallen.

Doch vielleicht liegt auch genau darin die Lösung des Problems. Jeder Mensch sollte in Zukunft maximal drei Meinungen täglich äußern dürfen. Bei jeder weiteren muss vorher ein Rebhuhn zustimmen.

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