Zuckerbrot ohne Peitsche: Klaus Eckel über radikale Freundlichkeit
Die Isländer haben angeblich über 50 verschiedene Wörter für Schnee. Wir Österreicher haben über 50 verschiedene Wörter für Depp. Kleiner Auszug: Dodel, Wappler, Vollkoffer, Gfrast, Häusl, Nudelaug … Ich belästige Sie nicht weiter, sonst nehmen Sie es noch persönlich. Eigentlich schade, dass sich aus Schimpfwörtern kein Strom gewinnen lässt. Mit unserem bunten Strauß an Beleidigungen könnten wir jede Nacht ganz Europa erleuchten.
In Österreich gilt Schimpfen als Kraftquelle. Eine Art Yoga, nur ohne Matte, dafür mit „Oida“. Ein echter Österreicher braucht in der Früh keinen doppelten Espresso, ihm genügt ein Idiot auf der Südautobahn, der auf der linken Spur konsequent 90 km/h fährt. Diese Mitbürger sind fürs Gemüt ein koffeinfreier Energydrink. Vielleicht sollten wir uns einmal bei den vielen „Trotteln“ da draußen bedanken, denn vermutlich lägen wir ohne sie lethargisch auf dem Sofa.
Doch jetzt entdeckte ich in einer Buchhandlung einen Titel, der eigentlich in Österreich auf der Verbotsliste stehen müsste: „Radikale Freundlichkeit“. Über die Kunst, innerlich mit den Augen zu rollen, während man äußerlich lächelt. Es ist doch einen Versuch wert, sämtlichen Quellen des Ärgers einmal liebevoll zu begegnen.
Wenn mir wieder ein SUV-Fahrer den letzten Parkplatz wegschnappt, bedanke ich mich bei ihm für die zusätzlichen Schritte, die er heute meiner Fitness-App schenkt. Die Dränglerin in der Bäckerei, die mir auf die Fersen steigt, lobe ich für die kostenlose Akupressur-Massage meiner Achillessehne. Dem Mann, der im Zug lautstark mit dem Handy-Lautsprecher telefoniert, reiche ich ein Hustenzuckerl und flüstere: „Für Ihre Stimme, damit wir im hinteren Teil des Waggons weiterhin sämtliche Details Ihrer Darmspiegelung fehlerfrei verstehen können.“ Doch der erste Schritt zu einem schöneren Leben ist die Selbstfreundlichkeit. Deswegen bezeichne ich mich nach einem Fehler nicht mehr als Depp, sondern als kognitiven Minimalisten.
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