Kolumnen
21.06.2018

In der High Society ist der Handschlag aus der Mode gekommen

Man küsst den feindlichen Luftraum neben den gepuderten Wangen des Gegenübers und schaut, dass man weiter kommt.

Der Kanzler hat eine Party geschmissen. So weit, so uninteressant, wenn man keine Einladung hatte.

Aber eines ist schon bemerkenswert: Der Kanzler hat jedem Gast – und es waren um die Tausend – persönlich begrüßt.

Wenn ich beim Kanzlerfest der Sicherheitsverantwortliche gewesen wäre, wäre ich echt beleidigt gewesen. Ich hätte noch am selben Abend die Vertrauensfrage gestellt oder einfach kommentarlos meinen Job hingeschmissen. Ich mein – alles was recht ist. Aber seien wir uns ehrlich: Jedes kleine Kind weiß doch, warum man einem Gast zur Begrüßung die Hand reicht. Erstens, weil die Eltern darauf bestehen. Zweitens, weil man damit abcheckt, ob der Eindringling in Frieden kommt. Sprich, ob er eine Waffe in der Hand hat.

Da sind also ein paar Hundert Sicherheitsleute damit beschäftigt, die Party-Location des Kanzlers großräumig abzusichern – und was tut er? Checkt jeden Gast noch einmal höchstpersönlich ab. Da klingen doch echte Sicherheitsbedenken durch.

Das würde auch jeder Arzt unterschreiben.

Händeschütteln ist aus medizinischer Sicht außerdem und überhaupt der helle Wahnsinn. Im Mittelalter war das ja noch anders. Damals hat es weder grausliche Viren noch sonstige Erreger von Magen- und Darminfektionen gegeben. Zumindest nicht in den Lehrbüchern. Damit hat zu der Zeit auch keiner geahnt, dass Menschen, die einem freundlich lächelnd die Hand zum Gruß reichen, in Wirklichkeit wandelnde Biochemiebomben sein können. Sie drücken einem einen Durchfall-Virus in die Hand, der einen für die nächsten sechs Partys blass ausschauen lässt.

Das hat sich in der Zwischenzeit herumgesprochen. Speziell in den Sphären der Hochrisikogruppen. Also bei jenen, die sich von Society-Event zu Society-Event hanteln und hoffen, dort den richtigen Menschen die Hand zu schütteln.

In der High Society ist der Handschlag eher aus der Mode gekommen.

Man küßt stattdessen den feindlichen Luftraum neben den gepuderten Wangen des Gegenübers und schaut, dass man weiter kommt.

Zu einem wichtigeren Gesprächspartner.

Ein Ritual, das man auch am Kanzlerfest beobachten konnte.

simone.hoepke