Kolumnen
29.06.2018

Angriff von einer Dame mit Spazierstock

Neuerdings lernen Rentner, wie sie ihren Gehstock als Waffe einsetzen können. Klingt gefährlich, ist es auch.

Neulich bei einer Hochzeit. Eine angeheiratete Verwandtschaft erklärt mir, dass man sich in Wien nicht mehr sicher fühlen kann. Viel zu gefährlich, sagt sie. Überhaupt in den Öffis. Es würde ja dauernd was passieren. Überfälle und so. Nein, sie selbst lebt nicht in Wien, war auch schon länger nicht mehr dort, aber das wisse man doch! Sie rät mir ernsthaft, einen Selbstverteidigungskurs zu machen.

Ich habe den Verdacht, dass sie Wien mit einem besonderes mafiösen Stadtteil von Caracas verwechselt. Oder mit dem mexikanischen Los Cabos, der angeblich gefährlichsten Stadt der Welt.

Ein paar Wochen später geschieht das Unfassbare. Ich sitze in einer halb leeren Straßenbahn in Wien. Als meine Haltestelle kommt, gehe ich zur Tür, drücke den Knopf – und zack. Ich bekomme einen Tritt in die Kniekehle. Ohne Vorwarnung. Ich drehe mich um. Hinter mir eine Dame, etwa 1,50 groß, zierlich, Dauerwelle, geschätzte 80 Jahre. Sie stützt sich auf ihren Spazierstock. Ihre Augen funkeln mich feindselig an. Sie will offenbar, dass ich augenblicklich tot umfalle.

Tue ich nicht. Stattdessen entschuldige ich mich. Keine Ahnung für was, aber was Besseres fällt mir nicht ein. Sie stützt sich auf ihren Gehstock, holt aus, tritt gegen mein Schienbein. Dann steigt sie aus. Ich auch. Jetzt behandelt sie mich wie Luft. Geht zur Ampel, gibt unterwegs einem jungen Mann einen Tritt. Der springt erschrocken zur Seite, verschüttet seinen Coffee-to-go gleichmäßig auf Hemd und Hosen, verheddert sich unglücklich in den Kabeln seiner Kopfhörer.

Die Dame scheint zufrieden. Sie greift in ihr Handtäschchen, holt einen Schlüssel heraus, sperrt ein Haustor auf, verschwindet von der Bildfläche.

Vielleicht mache ich doch einen Selbstverteidigungskurs.

Für Kung Fu fühle ich mich zu ungelenk, aber vielleicht irgendwann Cane Fu. Das ist eine Art Kung Fu mit Spazierstock („Cane“, wie die Briten sagen). Neuerdings lehren Cane-Fu-Meister Rentnern, wie sie ihren Gehstock als Waffe einsetzen können. Klingt gefährlich, ist es auch.

Zum Glück hat die Dame aus der Bim von der Trendsportart aus den USA noch nichts gehört.