Kolumnen
11/07/2019

Ich lauf' nicht durch die Stadt und nuckel' an Plastikdeckel-Dings

Wenn ich spazieren gehe, dann mit einem Golden Retriever und sicher nicht mit einem halblustigen Kaffeebecher.

von Simone Hoepke

In Österreich landen jedes Jahr 300 Millionen „Coffee-to-Go“-Becher im Müll, allein in Wien sind es 84 Millionen Stück. Eine unerträgliche Sauerei, findet meine Freundin und schenkt mir einen Mehrwegbecher.

Einen dieser Dinger aus Pseudo-Öko-Material, mit unästhetischem Deckel und halblustigem Spruch drauf („Ich mach was mit Medien“).

So einen Becher brauche ich so dringend wie eine Lungenentzündung.

Er erinnert mich an Schnabelbecher, Krankenhaus, Spanische Grippe.

Letztere hat dem Einwegbecher den Weg ins Lazarett und dann in die ganze Welt geebnet. Als hygienische Variante zum bis dahin üblichen Metallbecher. Das ist ziemlich genau hundert Jahre her. Die Spanische Grippe ist ausgerottet, der Becher ist geblieben.

Er ist die Pest unserer Zeit, findet offenbar selbst Starbucks. Also jene US-Kette, die Weihnachten 2001 nach Österreich geschneit kam und das Land mit Coffee-to-Go flutete. Mit so einem Becher in der Hand fühlte man sich auf offener Straße gleich wie ein New Yorker Leistungsträger, der von einem Event zum nächsten hetzt und dabei so viel Kohle verdient, dass er sich eine Wohnung an der Upper East Side leisten kann.

Ein Lebensgefühl, für das Starbucks jetzt in Berlin 5 Cent mehr verlangt – pro Einwegbecher. Eine Art Umweltgebühr, der man entkommt, wenn man seinen eigenen Becher bringt.

Dazu muss man aber Trendsetter sein und gerne mit Bechern spazieren gehen. Bin ich nicht, tu’ ich nicht. Ich geh nur mit dem Hund spazieren, sperr’ den Becher in den Schrank.

Schüttregen.

Ich steh’ wie ein begossener Pudel vor der Bäckerei. Lasse mich zu einem Impulskauf hinreißen – zu einem Kaffee zum Mitnehmen. Ohne Deckel.

Anfängerfehler.

Noch in der Bäckerei gelingt es mir, den Kaffee großzügig und gleichmäßig über Jacke und Hose zu verteilen.

Die Spanische Grippe und ihre Folgen sind die Pest.

simone.hoepke@kurier.at