Kolumnen 15.04.2018

Heute das Kopftuch . . . (2)

Kolumne "Schule und der Rest des Lebens"

Jetzt lese ich als Argument für ein Kopftuchverbot, dass das Kopftuch „sexualisiere“. Bitte wie? Das K o p f t u c h? Ich würde ja durchaus meinen, dass es Kleidungsstücke gibt, die bei der „Sexualisierung“ der Frau eher nicht sehr heftig dagegenhalten, das bauchfreie T-Shirt zum Beispiel, oder ein BH ohne H unter der transparenten Bluse, oder ein Rock, der aufhört, bevor er richtig begonnen hat, mitunter sogar die ab Gesäßmitte südwärts getragenen Jeans. Von bemalten Lippen, Tattoos, Piercings und anderen Varianten der Reliefgestaltung bzw. Wandmalerei am lebenden Objekt ganz zu schweigen.

Haben wir an unseren Schulen alles und wahrlich nicht zur Freude der Kolleginnenschaft:

– Sabrina, zieh dir bitte etwas an, der Milos kann ja nicht einmal mehr sein Handydisplay scharf sehen, seit sein Blick an deinem Dekolleté festgefroren ist.

– An was ?

– Egal, zieh dir bitte etwas an.

– Ich hab eh etwas an.

– Ich meine, etwas, das dich bedeckt. Idealerweise zwischen Brustbein und Knien.

– Brust. Hihihi.

Könnten wir also, wenn wir von „sexualisierender Bekleidung“ reden, darüber auch reden? Jetzt weiß ich natürlich, was die mit dem „sexualisierenden Kopftuch“ meinen. Vordergründig, dass man als guter Kerneuropäer verhindern muss, dass Muslime die Frauwerdung der Frau, auch Pubertät genannt, durch die Kopfbedeckung äußerlich für alle Welt sichtbar machen. Hintergründig geht’s freilich nur darum, ein Pro-Antikopftuch-Argument an den verhüllten Haaren herbeizuziehen: Nein, nein, um das Verbot eines religiös konnotierten Symbols des Islam handle es sich dabei rein gar nicht, lediglich um den Schutz des äh . . . Wertes . . . äh . . . der Frau. Schlagende Kampfemanzen quasi, die da das Kopftuchverbot fordern, identitäre Frauenversteher. Heuchler, die!

Und zur Klarstellung: Ich bin KEIN Freund des Kopftuchs, ich würde meiner Tochter, wären wir Muslime oder sollte sie je konvertieren wollen, auch nicht empfehlen, eines zu tragen. Aber sollte sie wollen, sollte sie dürfen. Und zwar genau dort, wo sie ihre Zeit verbringt – aktuell in der Schule.

( kurier.at ) Erstellt am 15.04.2018