INTERVIEW: FRANZOBEL

Franzobel im WM-Fieber: Werbung bei jedem Pfiff

Fußball darf fad sein. Ärgerlich wird es erst, wenn aus der Langeweile ein Werbeblock wird.

Fußball ist nicht immer der Nervenkitzel, als der er uns verkauft wird, sondern oft nur langweiliges Ballgeschiebe, ein Leckerbissen vielleicht für taktische Feinspitze, für alle anderen aber so aufregend wie Laubbläser im Herbst oder ein Glas mit ohnmächtigen Goldfischen. Dabei hat diese Fadesse oblige auch etwas Beruhigendes, ist sie doch so kontemplativ wie das Bullauge einer Waschmaschine, was in Zeiten von Tiktok-Aufmerksamkeitsspannen eine schöne Übung in Gelassenheit bedeutet.

Leider ist den geschäftigen Fußballokraten diese meditative, zwei mal 45-minütige Zeitspanne wirtschaftlich zu unergiebig. Cooling-Break heißt das Zauberwort, mit dem bei der WM die Hälften wetterunabhängig unterbrochen werden. Ehrlicher wäre: Advertisement-Break. Wer je eine amerikanische Sportübertragung gesehen hat, weiß, was da auf den Fußball zurollt: Werbung bei jedem Pfiff.

Es ist ja verständlich, dass die armen Verbandsherrn verdienen müssen, aber wenn einem im auf Niedrigstrom laufenden Gehirn plötzlich Wettanbieter Neukundenbonus in die Gedankenwüste plärren, Autohersteller mit Allradabenteuern kommen, oder man Pizzen sieht, deren Käsefäden an Speichel von Aliens erinnern, ist die schönste Entspannung dahin. Auch wenn es einen vor Aufregung kaum noch auf den Sitzen hält, braucht man keinen über Blasenschwäche oder Kryptowährung sprechenden Werbeheini.

Aber genau das ist die Realität unserer kapitalen Wachstumswelt. Irgendwann werden auch Taufen, Trauungen oder Operationen von Werbung unterbrochen. So viel kann man gar nicht saufen, um … An dieser Stelle unterbrechen wir für einen kurzen Werbeblock. Brauchen Sie? Nein, diese Trinkpausen sind so notwendig wie ein Kropf.

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