Franzobel im WM-Fieber: Die Stilfrage der Fußballtrikots
Von Schriftsteller Franzobel
Mode, hat mal jemand gesagt, bietet dem Mann die Möglichkeit der Promiskuität, weil sich seine Frau ständig in eine andere verwandelt. Auch die Fußballerdressen haben sich so stark verändert, dass man denken könnte, es handle sich um verschiedene Sportarten. Von den hautengen, kaum über die Pofalte reichenden Shorts der späten 60er über Augenkrebs-Trikots in den 90ern zu dem, was wir heute als elegant empfinden. Wobei das Geschmacksache ist.
Vor ein paar Jahren wurden zerschnittene Stutzen populär, und nun gibt es immer häufiger Torleute mit Strümpfen, die weit über das Knie reichen, was optisch an Krankenhaus-OP und Horizontalgewerbe erinnert. Wo die WM-Leiberl der Österreicher anzusiedeln sind, muss jeder für sich selbst entscheiden. Die farblich am Krampussackerl angelehnten Heimtrikots sollen die heimische Identität widerspiegeln. Das ist gelungen: Wegen der schwarzen Ärmel denkt man an kratzende Pullunder, und der Adler auf der Brust hat die Form einer Klobürste.
Dafür zieren die weißen Auswärtstrikots eine Besenreiser-Marmorierung und goldige Jugendstilelemente, die laut Hersteller an die Wiener Kaffeehauskultur gemahnen. Warum nicht gleich Leberkäserosa oder Schnitzelbraun? Die Ähnlichkeit mit Pyjamaleibchen ist hoffentlich kein Versprechen auf Schlafwagenfußball? Kaffeehauskultur beim Fußball? Wollen uns die Dressmacher mit Gemütlichkeit schaumrollen? Nein, es gab schon einmal eine in Kaffeehäusern zusammengestellte Mannschaft, die alles dominierte – das sogenannte Wunderteam vor hundert Jahren. Wenn wir davon eine Wiederauferstehung erleben, können die Trikots aussehen, wie sie wollen. Von mir aus sogar nach Magenübersäuerung und Tetris.
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