Franzobel im WM-Fieber: Vom Schmäh zur Floskel
Mehr Floskel als Fußball: Eine Kolumne über PR-Sprech am Spielfeldrand – und warum uns der alte Schmäh fehlt.
Früher waren Interviews mit Fußballern ein Ereignis, redete etwa ein unwirscher Günther Neukirchner von der "nächsten depperten Frag". Heute hört man nur noch Standardsätze: "Wir waren nicht giftig genug." Mit der Kommerzialisierung wurde die Sprache niedergebügelt.
Nun kommt kein Quadratwappler mehr vor, kein Gurkerl, Gstauchter, Wamperter, Hydrant oder derfäulter Pass. Stattdessen: "Wir müssen gierig bleiben, dem Gegner wehtun ..." Teams werden supportet, Laufwege upgedatet, Spirit wird kreiert. Längst betreiben die Vereine ein aufwendiges Medientraining mit Rollenspiel und Videoanalyse. Grundsätzlich ist das löblich, aber für mein Empfinden doch verkehrt.
Die Menschen haben eine Sehnsucht nach Wuchteln, Schmäh und, wie es der grandiose Ernst Happel einmal formulierte, Beistrichen in der Hose. Die Menschen wollen nicht mehr diese nichtssagenden, mit geflügelten Floskeln gespickten Standardsätze hören. Vielleicht sind deshalb die urwüchsigen Sprecher Krankl und Prohaska noch so beliebt? Wie sonst ist zu erklären, dass der Prohaska-Dativ Kult geworden ist?
"In so einer Situation musst du ihm ganz einfach überspielen ... Ich sag einmal so, wenn man gewinnen will, muss man dem Gegner bezwingen, und alles andere als ein Sieg oder ein Unentschieden wäre eine Niederlage ... Ich würde ihm spielen lassen …" Die Welt und der Fußball machen eine interessante Entwicklung durch. Nicht alles davon ist schlecht, manches ist sogar sehr schlecht. Bei den Interviews wird das offenbar. Vielleicht ist es Nostalgie, aber ich vermisse die Outwachler, Bloßhapperten, Schwindlichen, das Goi, weil selbst die ärgste Nudelpartie hat Charme, wenn von Zanglern und Holzschnitzten die Rede ist. Aber wulee!
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