Freudvoll im Schweizerhaus: Aida Loos über Stelzen und Bier
Ich bin an einem Ort, an dem Wien seine Gefühle zeigt, und zwar exakt zwei: Hunger und Durst. Alles darüber hinaus gilt als Vorerkrankung. Die Ernährungspyramide wurde hier außerdem zum Einsturz gebracht, und auf den Trümmern liegt die Wochenration an Kalorien. Vor der Stelze sind alle gleich. Nachher auch, nämlich schwerer.
Die Sitzbereiche sind nach den Bezirken benannt. Man weist mir einen halben Platz in Döbling zu, und ich spüre sofort den Ehrgeiz, dem Bezirk gerecht zu werden. Ich sitze gerader.
Die Kellner schauen alle so aus, als könnten sie einen Kühlschrank tragen, während sie ihn reparieren. Sie tragen die weißen Hemden und das schwarze Gilet wie Uniformen einer geheimen Burschenschaft, und auf jedem Finger ein Krügerl. Sie gehen nicht geradeaus, sondern in Kurven, weil sie wissen, dass der kürzeste Weg durch Menschen nie die Gerade ist. Einer tröstet im Vorbeigehen eine Enttäuschte („Kummt scho no“) und meint damit die Stelze, vielleicht auch das Leben. Das bleibt offen.
Ich bestelle ein Budweiser,
das neun Sekunden später vor mir steht, mit einer Schaumkrone, die so aussieht, als wäre sie extra für mich beim Friseur gewesen. Der Kellner wirft mir einen Bierdeckel hin wie eine Schicksalskarte beim Tarot. Der Wettlauf beginnt: trinken, schneller, als die Sonne erwärmt.
Ein Tourist bestellt ein alkoholfreies Weizenbier, und der Kellner, der sich sonst alles merkt, schreibt es auf. Manche Dinge will man nicht im Kopf behalten. Er sagt nichts. Sein Rücken sagt alles. Überhaupt spricht er nur in Hauptwörtern: „Stelze?“, „Krügerl?“, „Kren?“, denn Zeitwörter sind Zeitverschwendung, und Zeit ist hier Bier. Freundlichkeit gibt’s keine, dafür Effizienz, und das ist der ehrlichere Liebesbeweis. Dann bringt er ihm ein Budweiser. Der Tourist trinkt es und bedankt sich. So schnell geht Integration.
Ich geh aufs Klo, und davor sitzt eine Frau wie eine Grenzbeamtin im Niemandsland zwischen Bier und Blase, neben einem Radio, in dem leise ein Schlager um Verzeihung bittet. Vor ihr ein Tellerchen mit Münzen, arrangiert wie ein Stillleben.
Sie sagt „Danke“ in drei Tonlagen, je nach Münze, und die dritte Tonlage möchte niemand hören. Sie hat alles gesehen, was ein Mensch nach vier Krügeln ist, und schweigt aus Scham. Ihr Geschäftsmodell ist das ehrlichste hier: Sie verkauft nichts, sie erinnert nur an den Anstand.
Zurück in Döbling
wartet meine Stelze auf mich und belegt den halben Tisch. Sie ist bernsteinfarben und glänzt wie frisch versiegeltes Parkett. Dazu Senf und Kren, der sich durch meine Nebenhöhlen brennt wie eine Räumungsklage und mir die Tränen austreibt, die ich eigentlich dem Schwein schuldig wäre. Gegenüber kämpft gerade ein Mann mit seiner. „I schoff des nie“, sagt er und schafft es dann doch.
Der Knochen liegt vor ihm, präpariert wie fürs Naturhistorische. Es ist die österreichische Leistungsgesellschaft in einem Satz: Man untertreibt sich zum Erfolg.
Und über diesem kollektiven Grunzen der Sattheit schreit aus dem Wurstelprater alle dreißig Sekunden ein Mensch im freien Fall. Niemand schaut auf. Hier schreit man nur gegen Bezahlung. Alles andere wäre ja ein Gefühl. Ich frage nach der Rechnung und zahle einen Betrag, in dem man früher gewohnt hätte. „Passt so“, sage ich, und der Kellner verabschiedet mich mit einem Nicken, das exakt der Höhe des Trinkgelds entspricht. Ich bin freudvoll, denn ich weiß jetzt, was im Schweizerhaus wirklich ausgeschenkt wird: Gegenwart, literweise.
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