Freudvoll beim Sportfreunde Stiller-Konzert: Aida Loos in der Arena
Es ist 19:10. Ich stehe vor der Arena Wien und warte auf meine Freundin Petra Pan, die mich unmissverständlich instruiert hat: „Nimm Bargeld mit und zieh die flachsten Schuhe an, die du hast!“ Ich habe keine flachen Schuhe und komme in den giftgrünen Crocs meiner Tochter. Sie haben Löcher, damit die Füße atmen können. Meine Füße hatten nie Atemprobleme und nützen die Löcher als Fluchtwege für meine Würde. Petra Pan kommt in coolen Sneakers und schaut auf meine Füße. Nicht angewidert. Eher besorgt. So wie man auf ein Muttermal schaut, das sich verändert hat. Sie sagt: „Geh bitte!“, und meint das genaue Gegenteil.
Wir betreten die Arena und blicken über das Gelände wie ein Winzerpaar über seinen Weingarten. Es ist ein guter Jahrgang und er reift uns entgegen. Manche haben ihre Kinder dabei, die riesige Kopfhörer in Signalfarben tragen und dabei ausschauen wie kleine Fluglotsen, die den Landeanflug ihrer Eltern in deren Jugend einweisen. Irgendwann macht der Himmel dieses Aperol-Orange und die Band betritt die Bühne. Der Bass geht sofort durch den Brustkorb, findet dort nichts Verdächtiges, und geht weiter. Ich klatsche wie ein Seehund, dem man einen Fisch versprochen hat.
Bei „Applaus, Applaus“ singen alle ab dem ersten Ton mit. Wir können den Text nicht auswendig. Wir können ihn inwendig. Kein Wunder, denn das Lied entstand etwa zu jener Zeit, in der wir damit anfingen, unbezahlte Arbeit „Chance“ zu nennen. Man hat uns versprochen, dass sich Leistung lohnt, und zu leise „für wen“ dazugesagt. Man hat vergessen, uns zu benennen, dabei wäre es so einfach: Wir sind die BCC-Generation. Immer dabei, nie adressiert. Die Boomer stehen im An-Feld, die Jugend im Betreff. Wir kriegen alles mit und können nicht antworten. Und jetzt gerade bedanken sich alle bei allen für alles. Das Lied ist ein Kreisverkehr der Dankbarkeit, eingestimmt von einer Band, die den Applaus gleich doppelt im Titel hat.
Bei „Ich, Roque“ verlangt der Sänger das Unvernünftige:
Wir sollen uns hinsetzen. Alle. Auf den Boden. 3000 Menschen tun, was man ihnen sagt, weil es sich zufällig mit dem deckt, was sie ohnehin wollten, was ungefähr erklärt, wie die Menschheit in jede Diktatur reingeschlittert ist. In diesem Moment betritt die zweite Band das Konzert: die Bandscheiben. Beim Refrain sollen alle gleichzeitig aufspringen, gegen jede orthopädische Empfehlung, und ich höre auf halber Höhe ein Knistern, kurz und explosiv wie Popcorn in der Mikrowelle, und wie beim Popcorn gilt: Solange es knackt, ist noch Leben drin.
Beim Refrain von „Ein Kompliment“ kippt der ganze Hof in eine einzige Bewegung: Arme hoch, Bierbecher hoch, 2002 hoch. Petra Pan stößt mich mit dem Ellbogen an und singt in meine Richtung. Ich singe zurück. Wir sagen einander solche Sätze nie, weil wir nie Komplimente gelernt haben. Wir haben Rhetorik gelernt. Ironie. Distanz. Alles, was davor schützt, etwas zu meinen. Jetzt aber meinen wir jedes Wort. Einzeln wäre es peinlich, im Chor ist es Pop.
Nach dem Konzert gehen wir noch auf eine Käsekrainer. Der Würstelstand leuchtet wie eine Notaufnahme, und das ist er auch. Die Eitrige ist so, wie ich sie am liebsten habe: Außen Disziplin, innen Eskalation. Ich weiß, dass ich mich verbrennen werde, und beiße trotzdem zu. So wie früher. So wie immer. Der Käse spritzt heraus und landet auf meinen Schuhen. Die Crocs sind jetzt überbacken. Petra Pan schweigt beim Essen so zufrieden, dass es fast wieder Musik ist. Ich bin freudvoll, denn wir sind noch immer Sportfreunde. Nur stiller.
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