„Ich schaffe den Rauchstopp nicht“: Aida Loos über Nebelgranaten
Wie reizend Sie das sagen! So leise, so schicksalsergeben und dann auch noch „Rauchstopp“. Da zeigt die deutsche Sprache wieder, was sie am innigsten kann: Sie nimmt dem Feuer die Würde und stellt ihm ein Verkehrszeichen hin, halb deutsch, halb englisch, ganz Amtsstube. Und das schaffen Sie nicht. Und das schafft Sie, weil Sie endlich Nichtraucher sein wollen. Kein Mensch stellt sich vor mit den Worten: „Ich bin Nichtgeiger“. Sie wollen also gar nichts werden, sondern etwas nicht mehr sein, indem Sie es unterlassen. Überall anders wird man für diese Einstellung gekündigt. Setzen Sie sich, mein liebes Glühwürmchen, und erlauben Sie mir die Übersetzung aus dem Opferdeutschen. Sie meinen: „Ich will nicht aufhören, aber alle sagen, ich muss.“
Warum überhaupt? Weil es Gift ist? Sie machen es schon wieder. Nur im Deutschen ist Gift ein Gift, im Englischen ist gift ein Geschenk. Denken Sie um! Aber Ihre Gesundheit? Ja, die Medizin verspricht Ihnen zehn zusätzliche Lebensjahre, aber erkundigen Sie sich bitte, welche das sind. Mit dreißig bekommt keiner Nachschlag. Es sind die Jahre ganz hinten, in denen man Sie nur noch wendet und Ihnen zum vierten Mal die Fernbedienung erklärt. Warum rauchen Sie eigentlich?
Es beruhigt Sie?
Teuerste, Nikotin ist ein Aufputschmittel. Es beruhigt Sie so, wie ein Wecker Sie beruhigt. Was Sie für Frieden halten, ist das Ende des Alarms, den die vorige Zigarette gestellt hat. Sie löschen ständig einen Brand, den Sie selbst gelegt haben, und nennen die Viertelstunde dazwischen Seelenruhe. Vielleicht hängen Sie nur am Punkt. Ihr Tag ist ein endloser Nebensatz, und die Zigarette ist das einzige Zeichen, das Sie selbst setzen dürfen: der Beistrich am Vormittag, der Gedankenstrich nach dem Essen, der Punkt vor dem Schlafen. Wer Ihnen die Zigarette nimmt, nimmt Ihnen die Gliederung, und ein Leben ohne Absätze liest sich furchtbar. Ganz gleich, was drinsteht.
Es sind eher die Gefühle hinter den Sätzen? Verstehe, die Zigarette ist also die Nebelgranate, die Sie werfen, um sich vor sich selbst zu verstecken. Wie praktisch! Absender: Sie. Empfänger: Sie. Bei Ihnen verraucht der Zorn, die Scham und zur Not auch das Glück. Dabei gibt es in Ihnen einen vollen Wartesaal. Dort sitzen all diese Gefühle, jedes hat brav eine Nummer gezogen und wartet seit dreißig Jahren, aufgerufen zu werden. Sie können sich aber nicht ausdrücken, also drücken Sie aus. Zwanzigmal am Tag. Im Aschenbecher liegt Ihr gesammeltes Werk. Gestaucht, kalt, unveröffentlicht. Und über Ihrem Innenleben hängt ein Dunstabzug. Stufe drei, Dauerbetrieb.
Was ich Ihnen rate? Hören S’ nicht auf zu rauchen. Hören S’ auf, aufhören zu wollen. Der Vorsatz ist das Schädliche. Am Rauchen stirbt man vielleicht früher, am schlechten Gewissen täglich. Warten Sie, bis das Rauchen mit Ihnen aufhört. Stellen Sie sich dafür einen ganzen Tag in einen dieser Glaskästen am Flughafen. Diese Terrarien, an denen bloß noch das Schildchen fehlt: Füttern verboten. Rauchen Sie dort Kette und blasen Sie den Rauch in kunstvollen Ringen aus, die dann durch die Luft schweben wie Heiligenscheine auf der Suche nach einem Kopf. Sehen Sie zu, wie sich Ihr Problem in Luft auflöst. So, das macht dann 280 Euro bitte. Nein, nicht in Raten. In einem Zug. Gehen Sie jetzt, und kommen Sie nicht mehr, außer Sie stehen auf der Kippe.
Kommentare